Eberswalder Notizen
Die große und kleine Welt in der Provinz


Von Toiletten, Apotheken und fehlenden Jugendtreffs

24. Sept. 2020: Im Hubschrauberlärm eines Noteinsatzes am Pennymarkt gingen die Worte des Vorsitzenden unter, aber auch sonst konnte man nur ahnen, über welche Punkte jetzt abgestimmt werden sollte. An der Technik lag es sicher nicht. Die Worte einer älteren Dame, die in der einleitenden Einwohnerrunde ihre Anliegen vortrug, konnte man sehr gut verstehen. Zum einen ging es um das Problem, daß man im medizinischen Notfall zwar ein Rezept bekäme, aber oft nur eine Notdienstapotheke erreichen könne, die in Joachimsthal, Oderberg oder sogar Bad Freienwalde Dienst tut. Das sei für die Eberswalder Einwohner, die über kein Auto verfügten, unzumutbar, erklärte die resolute Dame. Bei zehn Apotheken vor Ort müsste es doch möglich sein, daß jeweils eine immer geöffnet hat. Dies sei ein Auftrag an die Stadtverordneten, sich des akuten Problems anzunehmen. Dr. König aus der Stadtverwaltung erklärte, dazu müsse man sich mit der Landesapothekenkammer in Verbindung setzen, aber er wisse von Apothekern, daß es oft einfach unverhältnismäßig sei, daß eine Apotheke wegen zwei Notfällen in der Nacht aufhabe. Auch seien die Notdienste gesetzlich geregelt, sodaß es leider manchmal dazu komme, daß den Betroffenen empfohlen werde, mit dem Zug oder mit dem Taxi zu einer 20 km entfernten Apotheke zu fahren. Ob ein akut kranker Mensch dazu überhaupt in der Lage ist, wurde nicht erörtert. Der Vorsitzende bat, sich kurz zu fassen, und so trug die Einwohnerin noch das Problem der wenigen geöffneten Sanitäreinrichtungen rund um den Marktplatz vor und daß diese sehr oft verschmutzt seien. Stadtverordneter Zinn ergänzte, es sei sehr ungünstig, daß die Toilette im Paul-Wunderlich-Haus nicht mehr von der Kreisverwaltung aus zugänglich ist, sondern nur noch für Gäste des Café Gustav. Frau Fellner vom Bauderzernat appellierte an alle Bürger, die Toiletten sauberzuhalten, denn es sei nicht zu leisten, nach jeder Benutzung eine Putzkraft hineinzuschicken. Am Schluß ihrer kurzen markanten Rede bemängelte unsere Einwohnerin noch, daß die Jugendhütte in Finow abgebaut wurde, aber kein annehmbarer Ersatz geschaffen wurde. Wo sollen denn die Jugendlichen heute hin, fragte sie. Discos wie in Kruge vor 20 Jahren gebe es nicht mehr. Da sei manches im Argen ...



Feté de la Viertel

5. Sept. 2020: Kiezfest im Brandenburgischen Viertel: Diesmal war alles räumlich getrennt. Am Vereinshaus der 1893 eG versuchte sich ein einsamer Gitarrenspieler an den ersten Tönen vor noch leeren Stühlen. Den ganzen Vormittag hatte es geregnet. Im Haus war das Studio für Guten Morgen Eberswalde während der Coronazeit untergebracht, das Live- sendungen ins Internet produzierte. Jetzt werden die Räume in der zweiten Etage für die Galerie Fenster umgebaut, weil am jetzigen Standort (siehe Foto) bald der Rückbau vonstatten geht. Beim Kontakt e.V. - der Wirkungsstätte unserer Russlanddeutschen - ließ Frau Schäfer Lose ziehen und man bekam ein Überraschungsgeschenk für 1 EUR. Tee war nicht nach dem Geschmack des Besuchers, er suchte den Bratwurststand. Am Potsdamer Platz war etwas mehr los. Am städtischen Stand bat eine junge Dame von der Stadtentwicklung um Vorschläge für die Aufwertung des Quartierseingangs WEST und notierte sich diese. Beim Quartiersmanagement half ein junger Mann aus Franken beim Verteilen von Prospekten und Kuchen (umschwirrt von Wespen), während gleich daneben ein Eberswalder Judoka-Großmeister (79) auf Verlangen fast die Rolle demonstriert hätte, nur wegen dem Knie ginge das jetzt leider nicht. Lady Undertone sorgte derweil für Musik und Stimmung und die kleinen Kiezbewohner beschäftigten sich mit Mattencurling. Wieder keine Bratwurst! Hurtig zur Spreewaldstraße, zum Buckow-Verein. Dort vorm Haus gab es eine Stand-Up-Performance: Schortie Scheumann, Berliner Schauspieler und Eberswalder Urgestein trug einen Brecht-Klassiker vor, für den es Szenenapplaus gab. Das Messer, das sah man nicht, und die anwesenden Damen luden zum Verweilen ein. Nein, hier gab es auch keine Bratwurst! Nach einem Bach-Trompetensolo und einem Duett-Kanon zog man auf der Suche nach fester Nahrung weiter. Stimmen erschollen vom Hof des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses und ein wohlbekannter Duft stieg in die Nase. "Wir haben die beste Bratwurst weit und breit!" verkündete stolz die junge kurzhaarige Dame am Stand. "Wollen Sie mit Brötchen? Senf und Ketchup ist dort ..." Wieder wechselte harte Währung den Besitzer und in Ruhe die nichtvegane Wurst verspeisend, schaute man sich den Spielplatz und den Trubel im Hof an. So, das war lecker! Nun ab nach Hause, da wartet noch der Eintopf mit Sellerie, Möhre und Pastinaken für den halbgefüllten Magen ...




BRAND.VIER - mehr als nur Symbolik

Die vier Bauabschnitte des Brandenburgischen Viertels werden saniert

7. Juni 2020: Bauingenieurin Beatrice Reich macht eine Bestandsaufnahme: beengte Treppenhäuser, alte Fußbodenbeläge, Papptüren, üble Gerüche, veraltete und defekte Sanitärtechnik, tropfende Wasserrohre, Elektrokästen mit Museumswert, Ein-Rohr-Heizung, keine Fliesen in den Bädern, defekte Balkonbrüstungen und abblätternde Farbe an den Balkonen, Fenster und Griffe aus DDR-Zeiten, ungedämmte Kellerdecken und alte Holzverschläge als Kellertüren - für solche Wohnungen finde sich heutzutage kein Mieter mehr, so die 60-jährige Köpenickerin, die in der Genossenschaft eine neue Aufgabe anpackt, nämlich die Aufwertung des gesamten Wohnquartiers für "genossenschaftliches, ökologisches und klimafreundliches Wohnen in der Zukunft". Eigentlich sollte es schon 2019 losgehen, aber die Verhandlungen mit den Fördermittelgebern zogen sich etwas hin und auch die Eberswalder Politik musste erst der Kooperationsvereinbarung zustimmen, inclusive des äußerst unpopulären Abrisses von drei Leerstandshäusern. Mit dem nun in Angriff genommenen Block der Havellandstraße beginnt der Sanierungsreigen, der die Arbeit des nächsten Jahrzehnts bestimmen wird. Neben einer modernen und optisch ansprechenden Fassade, bekommen viele Häuser Aufzüge, eine Strangsanierung, Doppelrohrheizung, neue Fenster, sanierte Bäder, eine neue Elektroanlage und einen Gemeinschaftsraum für Feiern und Hausversammlungen. Auch das Kochen soll von Gas auf Elektro umgestellt werden. Volker Klich, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft 1893 eG, zeigte sich überzeugt, daß das Viertel "schon in wenigen Jahren wieder ein sehr attraktives, lebenswertes und begehrtes Wohngebiet sein wird". Das Brandenburgische Viertel ist der jüngste Stadtbezirk von Eberswalde: 684 Kinder lebten Ende 2018 hier und jeder vierte Einwohner ist unter 25 Jahren.

Quelle:
Genossenschafts-Geflüster der Wohnungsbaugenossenschaft Eberswalde-Finow eG vom 19.11.2018




Überlegungen zu SARS-CoV-2

15. Mai 2020: Während Alexander Kekulé aus Halle an der Saale nicht viel davon hält, hat sich in der praktischen Politik die Meinung des Charité-Virologen Christian Drosten durchgesetzt, der sich für einen strikten Lockdown der Gesellschaft starkgemacht hat. Auch die gegenwärtige Lockerungsphase hält er für gefährlich und vergleicht sie mit einem "Tanz mit dem Tiger". Das RKI hat sich die Tage dazu durchgerungen nicht täglich wechselnde Reproduktionszahlen zu veröffentlichen, sondern nimmt jetzt einen Mittelwert der letzten sieben Tage. Dem Institut wurde schon vorgeworfen, bewußt höhere Werte zu kritischen Gremiengesprächen zu veröffentlichen. Momentan bewegt sich das Infektionsgeschehen auf niedrigem, aber stabilen Niveau - bei ca. 900 Neufällen - und Alexander Kekulé befürchtet, schon dieses niedrige Niveau könnte durch die Gesundheitsämter auf Dauer nicht nachzuverfolgen sein. Das entspräche nämlich 3-4 Fälle pro Landkreis, was einen Rechercheaufwand von 300 Kontakten pro Tag bedeuten würde. Unterdessen mehren sich die Anzeichen dafür, wie die Süddeutsche Zeitung am heutigen Tage berichtete, daß das SARS-CoV-2-Virus nicht nur hochansteckend ist, sondern die Viren auf winzigen Aerosolen der Atemluft im Raum schweben können und das über mehrere Stunden. Das bedeute zum Beispiel für die Gastronomie: viel lüften, Einsatz von Ventilatoren und bevorzugte Bewirtung im Freien, wie Dr. Drosten dringend empfahl. Mit der Aerosolthese ließe sich der Gebrauch der Masken im öffentlichen Raum noch stärker begründen, da diese vom Gewebe gefiltert werden, wenn auch nicht zu 100 Prozent. Ob die Maskenpflicht jedoch einen nennenswerten Effekt auf das Infektionsgeschehen hat, lässt sich nicht seriös ermitteln. Auch welchen Anteil der starke Lockdown der Gesellschaft hatte, welchen Anteil die Abstandspflicht und welchen Anteil das allgemein wärmere Wetter, das alles lässt sich nur vermuten. Sicher sind nur die Zahlen der Steuerschätzung für 2020. Die Experten gehen von staatlichen und kommunalen Mindereinnahmen von insgesamt 98.000.000.000 Euro aus. Das ist nicht nur ein Loch im Haushalt des Landes, das ist die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Und das sind nur die zählbaren Verluste. Die psychologischen und gesellschaftlichen Schäden durch die Art, wie wir mit dem Mikroorganismus umgegangen sind, lassen sich noch gar nicht überblicken. Abgesehen von diesem Negativen, gab es auch Menschen, die von der Entschleunigung des Lebens angetan waren und neue, einfachere Wege beschreiten konnten.




Sie wollen Strom sparen?

Ökologie in der Praxis:

25. Febr. 2020: Viele Haushalte ächzen unter steigenden Kosten: die Lebensmittel, die Miete, die Nebenkosten - alles ufert aus. Wie kann man sich etwas finanziellen Freiraum verschaffen, ohne daß die Lebensqualität darunter leidet? Hier ein paar unkonventionelle, aber auch radikale Tipps, wie man sein Leben wieder in den Griff bekommt:

Ein kleinerer Kühlschrank geht auch

Dieses Haushaltsgerät läuft immer. Eine geringere Leistung macht sich direkt in der Stromrechnung bemerkbar und: braucht man wirklich soviel Platz zum Einfrieren, oder ist es eher ein Ort, wo Lebensmittel vergessen werden?

Verschrotten Sie den Fernseher!

Mal ehrlich: Schauen Sie den Blödsinn im Fernsehen nicht nur aus Langeweile? Nehmen Sie mal ein Buch aus dem Regal oder durchstöbern Sie alte Zeitschriften! Es reicht auch, wenn man die Nachrichten einmal am Tag im Radio hört. Besondere Effekte erzielt dieser Tipp in Haushalten, wo die Glotze aus Prinzip den ganzen Tag läuft. Mit dem Kühlschrank zusammen ist das schon die halbe Miete.

Internet geht auch ohne Router!

Daß Sie Energiesparlampen eingeschraubt haben, versteht sich von selbst. Aber wissen Sie, was Ihnen noch die Groschen vom Konto frißt? Das ist der Router mit Internet-Flatrate. Das Teil sendet 24 h am Tag ein WLAN aus. An der Wärme des Gerätes identifizieren Sie einen kleinen Stromfresser. Muss alles nicht sein. Internet geht auch per Handyvertrag, indem Sie im Smartphone den Hotspot aktivieren und so nur im Bedarfsfall Ihren Computer mit dem Internet verbinden. So vermindern Sie die Strahlung eines WLAN, sparen sich die Home-Flatrate-Gebühren und den Stromverbrauch des Routers. Dann sind Sie schon ein Fortgeschrittener ...

Der Schnickschnack in der Küche ...

Es ist zwar manchmal bequem und vorteilhaft, wenn man über einen Toaster, einen Grill oder eine Mikrowelle verfügt. Doch erstens müllen Sie sich damit Ihre Miniküche zu und zweitens sind das unnötige Stromfresser. Auch ein Heizkissen ist nicht besser als eine Wärmflasche, sondern muss ständig im Auge behalten werden.

Wenn Sie diese Tipps umgesetzt haben, werden Sie auch keinen Besuch mehr von Stromfirmen-Vertretern bekommen. Sie sind dann einfach nicht mehr interessant genug!




30 Jahre Mauerfall - das Ende des Sozialismus

9. Nov. 2019: Manch einer wird sagen: das waren damals unglückliche Vorgänge mit Gorbatschow und Schabowski, aber daß der Umbruch mit einer solchen Schnelligkeit und Dynamik daherkam, das lag auch am gesellschaftlichen Grundproblem im ostdeutschen Staat. Nicht nur, daß die halbe Welt für die meisten DDR-Bürger eine Terra incognita war, unerreichbar, unerforschbar, versperrt durch ein tödliches Mauerregime; das eigentliche Dilemma war die Unfreiheit im Geiste und im Beruf. Die ideologischen Vorgaben wurden durch die Partei vorgesetzt, was darin gipfelte, daß nummerierte Losungen des Zentralkomitees zum 1. Mai herausgegeben wurden, damit die Werktätigen ja wüssten, wofür und wogegen sie auf die Straße gingen. Das ideologische Korsett begann schon in der Schule und wurde mit Universität und Parteischulungen immer stärker. Karrierebewußte Menschen ließen sich gerne für SED und Geheimdienst anwerben und wer nicht in der Partei war, bekam eben keine Beförderung, weniger Gehalt und keinen FDGB-Urlaub an der Ostsee. Der Staat wähnte sich sicher mit 3 Millionen Parteimitgliedern und Hunderttausenden inoffiziellen Mitarbeitern, aber die Mehrheit der Bevölkerung und die einfachen Leute waren einfach nur frustriert, mit steigendem Druck im Kessel. Als Ungarn dann die Grenze zu Österreich aufmachte, bot sich ein ungeahntes Ventil, durch das die Wut schoss und die Bresche wurde immer größer und war am Ende nicht mehr zu schließen. Als am 4. November 1989 eine halbe Million Menschen auf dem Alexanderplatz die Repräsentanten des Staates auspfiffen, waren die Tage der DDR gezählt.




Tantchen SPD auf dem Marktplatz

29. März 2019: Am Mittag des gestrigen Tages erregte ein knallrotes Gefährt in Transportergröße die Passanten zwischen Gustav und Rathaus, darauf zu lesen in weißer fetter Schrift: "SPD im Bundestag" und etwas kleiner: "Gekommen um zu hören". Aber es kam offenbar noch niemand. Ein ganzer Auflauf von Menschen versammelte sich vor einem kleinen grauen Zelt, darin ein paar Tische und davor die lokalen Parteigenossen, von alt bis jung, in Erwartung des hohen Besuchs. Ringsherum postierten sich Kamerateams von Tagesschau bis rbb und auch Fotografen/innen lauerten an jeder Ecke auf den finalen Abschuß. Wer würde hier wohl kommen, war die Frage? Dem Polizeiaufgebot zur Folge, wahrscheinlich irgendein hohes Tier. Die Bundeskanzlerin? Nein, die ist ja nur inoffizielles Mitglied und außerdem gäbs dann eine richtige Bühne zum richtig loslegen. Nein, es war ja nur die SPD. Was haben die Sozialdemokraten in letzter Zeit nicht alles einstecken müssen: im Osten bei den jüngsten Wahlen weit hinter die AfD zurückgefallen und mit einem unglücklichen Kanzlerkandidaten bei der letzten Bundestagswahl, der zuerst als Messias gefeiert wurde, dann sich aber im entscheidenden Fernsehduell jämmerlich blamierte. Martin, Martin ... Franz ist nicht mehr, Peer ist nicht mehr, Siegmar ist nicht mehr, Frank-Walter ist im Bellevue geparkt, Gerhard ist jetzt Weltbürger und Oskar ist nachhaltig fremdgegangen. Nun sucht man sein Heil im Hubertus und in der bodenständigen Andrea, deren Mundwerk noch keinem Skandal ausgewichen ist. Die Frage lautet: Gerechtigkeit! Das war schon immer das Thema der Sozialdemokraten, nur gab es durch die unpopulären und ausufernden Hartz-IV-Bestimmungen in den letzten Jahren immer schlechte Presse und kaum jemand bemerkte die grundlegenden Erfolge, die diese Reform ermöglichte. Nun will sich die SPD, die angeblichen Experten und Umfragen schon immer vertraut hat, von dem Betonfuß Hartz-IV trennen und wieder Oberwasser bekommen.

Die gute alte Tante müsste von den guten alten Zeiten schwärmen, als die Sozis den Kaiser und Bismarck dazu brachten, ein Rentensystem einzuführen, das noch heute der Grundpfeiler dieser Gesellschaft ist. Sie müssten daran erinnern, daß die Sozialdemokraten mit die ersten waren, die in den KZs der Nazis verschwanden und daß sie nach dem Desaster des Ersten Weltkrieges die einzige politische Kraft war, die wieder Ordnung und Gerechtigkeit ins geschundene Land bringen konnte, inklusive Frauenwahlrecht. Und sie müsste an den Ehrenvorsitzenden Willy Brandt erinnern, der mit seinem Kniefall in Warschau eine Wende in der Ostpolitik der alten Bundesrepublik einleitete, hin zu einer Entspannungspolitik mitten im Kalten Krieg der sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcke des Westens und des Ostens. Auch Herbert Wehner sollte nicht vergessen werden, den streitbaren Redner im Bundestag. Aber das sind alles alte Zeiten. Nun heißt es vorwärts schauen. Doch in die Zukunft zu sehen, ist eine seltene Gabe. Ein Experte würde sagen, nein, besser noch: ein Orakel, daß die SPD das Potential dazu hätte, die Parteienlandschaft der BRD völlig umzukrempeln. Wenn sie sich nur geschickt anstellen würde. Das Orakel verschwiege nur die inklusive Möglichkeit des völligen Untergangs. Nein, sowas will keiner hören! Schon gar nicht die führenden Genossen, diesmal Olaf und Katharina, die den Eberswaldern an diesem Tag aufs Maul schauen wollen: Gekommen um zu hören. Das Fernsehen bekam seine Bilder, die Presse bekam ihr Foto und einen Hauptartikel in der Lokalzeitung, und die Hundertschaft der Polizei sorgte für ein überwältigendes Sicherheitsgefühl, daß es einem potentiellen Messerangreifer schwer fallen würde, seinen krankhaften Wahn in Ausführung zu bringen, wie geschehen beim armen Oskar. "Wissen Sie, wer hier kommen soll?" wurde eine schußbereite Fotoreporterin gefragt. "Der Finanzminister und die Bundesministerin für Justiz" war die Antwort. Ungläubiges Staunen: "Wer soll denn das sein?" Das hat man nun davon, wenn man kein Kunde der Qualitätsmedien des Landes mehr ist ...




Ausdauer zahlt sich aus

11. März 2019: Der Freitagnachmittags-Einkäufer bewegte sich vom Drogeriemarkt am Westend-Center, wo er eine Veleda-Seife für 4,25 € eiskalt stehen ließ und dafür eine für 49 Cent kaufte, zum großen Verbrauchermarkt mit den vier großen roten Lettern. Er machte sich den Spaß, weil die Zeit nicht drückte, die Anzahl der angebotenen Produkte zu zählen. Kurz nach der Obst- und Gemüseabteilung war er schon bei 500, und zusammen mit der Butter- und Wurstabteilung inclusive Nüssen und Müsli waren es schon 1000. Mit Brot und Käse, Quark und Joghurt kamen noch einmal 1000 dazu. In einem großen Gang, wo zum Beispiel Marmelade und Kaffee steht, oder Nudeln, Reis und Backzutaten, sind es auch jeweils tausend. Bei sechs Gängen kommen also nochmal 6.000 hinzu. Die Chefin räumte gerade bei den Putzmitteln und bestätigte dem Wissensdurstigen: "Wir haben weit über zehntausend Produkte." Leider, so der Fragende, nutze er davon nicht einmal 1 Prozent. "So ist das ..." resümierte Frau Graep. Eine Tasse Kaffee und ein Stück Bienenstich belohnten den ehrenamtlichen Inventaristen in der angrenzenden Bäckerlounge. Dazu verspeiste er eins der zehntausend Listenprodukte. Plötzlich kam der rotgekleidete Backstandverkäufer und bot dem Freitagnachmittagsgast noch eine Tasse Kaffee gratis an. Ein Kunde hätte schon bezahlt, musste aber - aus welchen Gründen auch immer - dringend aufbrechen. Dazu sagte der Gast nicht nein und bedankte sich für die 2. Tasse cremigen Bohnenkaffee. Man muss nur lange genug warten können ...




Eine Hommage an Bertolt Brecht

"Mackie Messer - der Dreigroschenfilm" im Westend-Kino:

29. Okt. 2018: Alles fängt damit an, daß die Uraufführung der "Dreigroschenoper" kurz vor dem Scheitern steht. Schauspieler schmeißen hin, Requisiten brechen zusammen und der Theaterleiter verlangt Änderungen bei zu freizügigen Passagen. Mitten im ersten Akt versagt die Drehorgel ihren Dienst, doch ein grandioser Schauspieler rettet mit dem "Haifischsong" die Szene. Am Ende feiern die Zuschauer das Stück, nicht zuletzt wegen der eingängigen Musik von Kurt Weill. Die "Dreigroschenoper" wird ein überwältigender Erfolg. Nun melden sich andere Begehrlichkeiten. Die Filmindustrie erwirbt die Rechte am Stück, doch Brecht will nach seinen eigenen Vorstellungen den Film inszenieren, nicht nach den Regeln des Filmmarktes. Damit beginnt ein überwältigendes Panorama an Bildern: Maceath, dem Anschein nach ein Edelmann, betritt die Straße und sein Auge wird sofort von einer spazierenden Dame in den Bann gezogen, besonders von ihrer unteren Partie. Er folgt ihr und die beiden schließen eine Bekanntschaft, die mit der Romanze unterm Soho-Mond von London beginnt. Das Dumme ist nur: die Dame ist die Tochter vom Bettlerkönig der Stadt und Maceath das Oberhaupt einer Kriminellenbande. Der "Captain", wie der Gangsterboss genannt wird, organisiert ein rauschendes Fest, mit den VIPs der Gesellschaft, während Polly ein Brautkleid tragen darf. Sie wähnt sich schon im Hafen der Ehe, bestens ausgestattet, doch ihr Vater droht dem Polizeipräsidenten, die Geburtstagsfeier der Königin zu stören indem er seine Bettler aufmarschieren lässt, wenn Maceath nicht an den Galgen kommt. Inzwischen vergnügt sich der "Edelmann" in einschlägigen Etablissiments, von denen er freimütig zugibt, hier erst großgeworden zu sein, in den Armen der Seeräuber-Jenny, im Original gespielt von Lotte Lenya, der Frau von Kurt Weill.

Die Handlung des Dreigroschenfilms wird immer wieder unterbrochen durch Einsprüche des Filmproduzenten, dem die Handlung zu sehr verfremdet ist, dann zu sittenverderbt und schließlich zu gesellschaftskritisch. Erst kann sich Brecht noch durchsetzen, aber dann folgt der Eklat: Der Autor verklagt die Filmgesellschaft wegen Mißachtung seiner Regieanweisungen und es kommt zum Prozess. Daß Brecht seine Niederlage bereits einkalkuliert, gehört zur Inszenierung der Wirklichkeit. Vor den Augen des verhandelnden Richters geht der Film weiter: Durch Verrat seiner leichten Damen kommt Maceath ins Gefängnis, sehr zum Bedauern seines Freundes, des Polizeipräsidenten, den er keines Blickes würdigt. Währenddessen hat Peachum, der mit professioneller Bettlerei ein großes Unternehmen geschaffen hat, aus Mitleid ein echten Krüppel angestellt. Dieser wirkliche Elende wird zum Problem für beide, für den Geschäftemacher wie für die Obrigkeit. Was ist, wenn die Elenden unter den Brücken aufstehen und in die Bank- und Regierungspaläste strömen? Dann werden sie ein paar Polizisten nicht aufhalten können. Maceath wird durch die Königin begnadigt und mit "Schwiegervaters" Geld kauft Polly ein Geldinstitut, sodaß der "ehrenwerte Kriminelle" nun Chef eines Bankhauses ist. Die Szene wechselt in die Moderne: in London schießen die Bankentürme in den Himmel und aus Mackies plumpen Ganoven werden Aktenkofferträger mit Zwirn und Schlips. So wie Brecht kurz zuvor in einer Aufführung der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" die gesellschaftliche Waage erläutert hat, wird Maceath - in der Oberschicht angekommen - nun erklären: "Es gibt die guten Reichen. Also muss es auch die guten Armen geben!" Nur sagt Brecht: Die guten Armen werden immer unten sein ...




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