Eberswalder Notizen
Die große und kleine Welt in der Provinz


Schön ist es, auf der Welt zu sein ...

Aus gegebenem Anlass wird hier ein Text aus dem Jahre 2015 veröffentlicht:

30. Aug. 2015: ... sagte die Biene zu dem Stachelschwein." Das sangen die Kinder der Kita "Arche Noah" beim nachmittäglichen Gottesdienst in der Friedenskirche zu Finow am letzten Augustsonntag. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz mit Besuchern gefüllt, die dem Gemeinde-Pädagogen Martin Appel zur Verabschiedung in den Ruhestand ihre Reverenz erwiesen. Auch war in dem Lied der Kinder zu hören, daß man sich doch "nur ein bißchen Freiheit" wünscht.

Petra Boden, Leiterin der Kita, wünschte dem Gemeindeseelsorger alles Gute für seinen nächsten, freieren Lebensabschnitt, verbunden mit der Einladung, doch auch einmal so, jenseits von Hektik und Streß, in der Cottbusser Straße bei den Kindern und auf eine Tasse Kaffee vorbeizuschauen. Natürlich sangen auch die Besucher die Lieder des Gottesdienstes - mal mehr, mal weniger sicher - begleitet von der Orgelmusik des Hauses.

An diesem Nachmittag konnte man verstehen, ja fühlen, warum Kirchen so hoch und mächtig gebaut sind. Es ist einfach eine biophysikalische Notwendigkeit: dreihundert singende Lungen verbrauchen schnell den vorhandenen Sauerstoff, und ohne den großen Kirchenraum könnte ein Gottesdienst nicht 90 Minuten, sondern nur eine Viertelstunde andauern. Draußen waren es 30 Grad und auch in der Kirche steckte noch die Hitze des Sommers.

Trotz des Sommerwetters kamen Stadtpolitker aller Coloeur im besten Sonntagsanzug zu diesem wichtigen Gemeindeakt, darunter Otto Baaz, Günter Spangenberg und Carsten Zinn vom Alternativen Wählerbündnis Eberswalde, das in Finow eine starke Basis hat. Auch Kulturstaatssekretär Gatzlaff kam als Vertreter der Rathausspitze mit einem großen Abschiedsgeschenk. Kaum hatten die zahlreichen Gäste nach dem Gottesdienst ihren Kuchen und den Becher Kaffee in der Hand, verdunkelte sich der Himmel und ein heftiger langandauernder Regen, verbunden mit Blitz und Donner, zwang die Besucher ins neu fertiggestellte Gemeindehaus, oder in die Sakristei, wo man der Probe des Kirchenchores lauschen konnte.

Im Gemeindehaus war die Luft schnell verbraucht, während ein frischer Wind durch die geöffneten Tore der Kirche wehte. Martin Appel verabschiedete vorher auf der Schwelle des Kirchenhauses jeden Besucher persönlich, was als eine besondere Geste empfunden wurde. Er selber dankte in seinen Abschiedsworten den zahlreichen Gästen für ihr Kommen und erinnerte an die schwierige Zeit der Kirche in der DDR. An Zeiten, in denen es nicht einfach war, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen. Und er erinnerte an die immer kleiner werdenden Kirchengemeinden, an das Schrumpfen und Älterwerden, ein Problem, das gottweiß noch nicht überwunden ist.

Angesichts des übervollen Gotteshauses - gibt es da in dieser Hinsicht einen Hoffnungsschimmer? Vielleicht sollte man den Gottesdienst immer erst um 14 Uhr stattfinden lassen, und zwar, wenn man ausgeschlafen hat. Und wenn es Kaffee und Kuchen gratis gibt. Die Kirche muss eben mit der Zeit gehen und neue Wege finden ...

"Nur ein bißchen Freiheit ..." - das wünschte sich auch ein großer brauner Schmetterling, der aufgeregt über den zahlreichen Köpfen in der Kirche hin- und herflog. Just in diesem Moment erzählte ein Kita-Mädchen vorne auf dem Altar von einer simmersatten Raupe, die montags Äpfel frißt, dienstags Birnen, mittwochs Pflaumen, donnerstags Erdbeeren, und sich freitags und samstags derart überfrißt, daß sie am Sonntag nur noch ein kleines grünes Blatt zu sich nehmen kann. Aber dann, wir kennen das Ende, wird aus der Raupe ein wunderschöner Schmetterling.

Durch die geöffneten Tore der Kirche schließlich, konnte der gefangene Falter in die Freiheit, in die schwülwarme Luft eines Finower Augustnachmittages.

Nachtrag:
Am 13. November 2021 ist Pfarrer Martin Appel im Alter von 70 Jahren verstorben.



Nur die gute Butter?

10. Nov. 2021: Es gibt da so einen banalen Spruch zur Gesundheit: Man ist, was man isst. Ist da überhaupt etwas dran? Sicher wird man durch das Essen nicht die Körpergröße und die Merkmale des Gesichts verändern können. Und auch stoffwechselgenetische Grundlagen kann man nicht so leicht wegessen. Aber ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass übergewichtige Menschen immer reichlich Appetit haben und die Mahlzeiten gar nicht üppig genug für sie sein können? Hier gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Menge und Gewicht. Dabei ist der Homo Sapiens für ständige üppige Mahlzeiten gar nicht konstruiert worden.

Unsere hunderttausendejahrelange Existenz als Jäger und Sammlerin, das ist unsere genetische Basis. Die Nahrung war mal mehr, mal weniger vorhanden und wechselte jahreszeitlich bedingt. Schon eine reichliche Fleischmahlzeit reicht aus, um unser Bauchfett – die eiserne Reserve – merklich anschwellen zu lassen. So einen Jagderfolg hatte der Mensch aber nicht jeden Tag. Also aß man wieder Nüsse, Beeren, Wurzeln und Kräuter. Dazu kam reichlich Bewegung für die Nahrungssuche und jahreszeitliche Wanderungen zu Sommer- und Winterquartieren. So blieben die meisten unserer Ahnen fit und schlank. Die einzige Bewegung in heutigen Tagen ist der Gang vom Büro zur Kantine, wo es jeden Tag ein reichliches Essen gibt. Wenn man will, auch mit Fleisch und Fett. In den Urzeiten war Fett der Goldstaub der Nahrung, ebenso wie Zucker. Schwer zu bekommen, aber gut haltbar für schlechte Tage, zum Beispiel Honig oder getrockneter Schinken. Diese Goldstaub-Auffassung hält sich noch bis in heutige Tage, wenn jemand sagt, sie esse nur die gute Butter, während Pflanzenmargarine verschmäht wird. Dabei ist es gerade die Butter, die fett macht! Ich bitte um Verzeihung, meine Damen, aber das ist die Wahrheit ...

Mit Fett und Zucker sollte der Homo Sapiens sehr vorsichtig und sparsam sein. Das sind die kalorienmäßigen Wasserstoff-Bomben! Dagegen kann man gedünstetes Gemüse, Obst, Getreideprodukte und stärkehaltige Lebensmittel reichlicher verzehren. Das kommt auch der Verdauung zugute. Gut gegen Darmträgheit sind Vollkornbrot, Linsen oder Erbsen. Aber auch mit einer reichlichen Reis- oder Nudelmahlzeit kommen die Gedärme wieder in Schwung.

Eine heiß diskutierte Frage in diesen Tagen und Jahren ist der Fleischkonsum. Das ist schon ein regelrechter Kulturkampf geworden und zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Die einen sind überzeugte Fleisch- und Wurstesser - das sind die etwas beleibteren – die anderen schwören auf vegetarische oder sogar vegane Ernährung und sind dabei auf missionarischer Fahrt unterwegs. Freundeskreise bilden sich auf Grundlage dieser Haltungen und Beziehungen zerbrechen daran. Dabei sollte eines klar sein: die Versorgung mit Proteinen ist für den Menschen lebensnotwendig, will er nicht an einer Mangelkrankheit leiden. Die Frage ist: benötigen wir tierisches Eiweiß essenziell oder reichen auch Pflanzenproteine? Um zu einer ausgewogenen Ernährung zu kommen, kann man wahrscheinlich viele Wege beschreiten. Die Hauptsache ist: keine einseitige Nahrungsaufnahme!

Bevor man als junger Erwachsener das Kochen lernte, ernährte man sich von Tütensuppen, in die mal ein Wiener Würstchen hineingeschnippelt oder mit einem Ei verrührt wurde. Später dann Kantinenessen wie Milchreis mit Zucker und Zimt oder Tote Oma. Von grundlegenden Fähigkeiten noch weit entfernt, "entwickelte" man die nächste eigene Mahlzeit: das war und ist bis heute Nudeln mit gedünsteten Möhrenscheiben und Mais in Butter. Das war zwar nicht schlecht für den Anfang, ist aber noch keine ausgewogene Ernährung, wenn man ansonsten nur Dosensuppen aß zum Mittag und zum Kaffee Kuchen mit Sahnejoghurt.

Der Aha-Effekt kam erst durch die Benutzung eines Ernährungsrechners. Dann lernt man erst, wie grundlegend wichtig Kartoffeln sind, die man vorher verschmähte. Ja, da muss man ein wenig schnippeln, das ist wahr. Aber man spart dadurch Euros und Hüftspeck. Dazu kommen Möhren, die auch nicht teuer sind, Sellerie, Porree und Petersilienwurzel. Proteine erhält man durch Linsen, Erbsen, Fisch und wenn man einmal die Woche eine Bulette isst oder ein Hähnchenschnitzel, wird die Welt auch nicht gleich untergehen. Alles andere wäre Fanatismus. Man darf auch nicht vergessen, dass Weidetiere die Graslandschaften erhalten, die ökologisch sehr wertvoll sind. Würden wir für diese Tiere nicht bezahlen, ihr Fleisch, oder ihre Milch, würden sie nicht gehalten. Alles hängt mit allem zusammen.

Die Ernährung ist eine sehr private Angelegenheit, zugleich hochkompliziert und heutzutage emotional aufgeladen. Ich glaube, hier stehen wir noch am Anfang einer Epoche der Aufklärung.!



Herbstfarben im Sturm



Der Gottesdienst

17. Okt. 2021: An dem Tag, an dem mir nichts mehr einfällt, wird der liebe Gott mich wohl zu sich geholt haben. Das Leben ist seltsam. Man nimmt sich etwas vor, macht gar einen Plan, vielleicht schreibt man es sogar auf, aber kaum hat man den Stift zur Seite gelegt, erfüllt den Körper und den Geist ein neues Bedürfnis und Begehren und lässt den Schwankenden auf neue Wege sich begeben. Plan ist Plan, nichts weiter, wertloses Papier.

Während ich das schreibe, versucht das Weltall, das ja bekanntlich ein Vakuum ist, an meinem Gehirn zu saugen, um den letzten Funken Verstand auszulöschen. Das All mag lieber das Nichts und keine belebte Materie, die Wörter in einen Apparat eintippt. Der Allmächtige will sagen: es ist alles eitel und nicht von Bedeutung. Was mühst Du Dich ab, Du Menschenwurm. Du trachtest ja doch nur nach Anerkennung und Bestätigung! Gib auf, let it be und folge mir ins Nirwana!

Nein, nun gerade nicht! Wo kämen wir da hin, wenn jeder dahergelaufene Allmächtige einen manipulieren will. Schließlich hat man als Wesen einen freien Willen - auch um den größten Blödsinn zu verzapfen. Das ist unser gutes Recht! Schon heute wollte mich der liebe Gott in einen Gottesdienst führen. Er sagte: Auf Jahr und Tag hast Du Dich nicht mehr niedergeworfen in den Staub angesichts der Herrlichkeit Gottes. Drum gehe und besuche die Versammlung der Gläubigen!

Gesagt getan. Es ist Sonntag, das Frühstück im Bauch, überlege ich zur Heiligen Messe der Katholiken zu fahren. Ich bin recht zeitig dran, alle Verrichtungen flugs erledigt, da lässt mein unsteter Geist mich denken: Was soll ich hier nun so lange warten? Fahre ich doch schon gleich zu den Evangelischen, die haben eine Stunde früher Gottesdienst. Gesagt getan, sitzt der Erdenwurm im Bus, und überprüft im Internet, wann der Gottesdienst beginnt. Aber ach, sagt Google, der beginnt erst in einer Stunde! Was soll ich solange in der sonntagstoten Kleinstadt, fragte sich der unstete Geist. Es ist kalt!

Nächste Station Bäckerladen und der Plan war Makulatur. Der von Gott Abfallende holt sich ein frisches Brot und etwas Kuchen und beschließt, den Weg zurück durch den Wald zu laufen. Es wäre sowieso bald Kaffeezeit und in der kalten Kirche bekäme man nur Hunger. Also muss Gott noch warten. Man tut jetzt etwas für die Gesundheit, läuft an der frischen Luft und die ersten herbstgefärbten Blätter erfreuen den Betrachter.

Es ist kalt. Zu kalt für die Mücken! Aber irgendwelches Viehzeug fliegt noch herum. Ein Brummen am Ohr, eine Blattlaus am Auge. Spinnweben zwischen den Zweigen des Weges. Da! Ein Rascheln! Ein schwarzweißes felliges Etwas nimmt aus dem Gebüsch Reißaus. Es könnte ein kleiner Hund gewesen sein, oder eine Katze. Eine Katze so tief im Wald? Und ein Herrchen ist auch weit und breit nicht zu sehen. Was war es also? Das bleibt leider unbeantwortet.

Der Wald geht über in eine kleine Wohnsiedlung. Dort sitzen Menschen, spielen Hunde und Nachbarn unterhalten sich. Eine große Straße muss überquert werden und die Allee der goldenen Ahornbäume, die teilweise auch rot sind, lässt den Wandersmann stocken. Aber dann ab nach Hause! Nanu, was war das? Eine schwarzgraue Krähe flog von hinten nur um Handbreite am Kopf vorbei und lässt sich auf einem Baum vor mir nieder. Na warte, Du Bösewicht! Meine Stimme wird etwas lauter. Der Vogel fühlt sich angesprochen und fliegt quer zu einem anderen Baum. Jetzt schwinge ich die Faust und gebe Monsterlaute von mir. Der arme Vogel fällt vor Schreck fast vom Zweig. Damit könnte es gut sein, doch Rache ist Blutwurst: ich werfe meine Faust Richtung Krähe und brülle etwas Undefinierbares ... nun reicht es dem Getier und zusammen mit anderen Artgenossen sucht es das Weite.

Wer weiß, was die wollte? Einer Freundin hat schon mal eine Krähe von hinten auf den Kopf gehackt. Was soll das? Dabei werden die lieben Kleinen an jeder Ecke hier gefüttert, was das Zeug hält. Nein, das ist die Bosheit! Ich kenne meine Krähen. Wahrscheinlich hat ihr nicht gefallen, dass ich mich zulange an den Ahornbäumen aufgehalten habe. Das ist ihr Revier. Dort suchen sie immer nach Nahrung, was meistens Abfall ist. Und ein Revier steht für die Krähe an erster Stelle! Da gibt es keine Freunde mehr ...

Nun, die Wut rausgelassen, spaziert man nach Hause. Ein Zuhause, das eigentlich eine Einsiedelei ist. Ein einsames Refugium mitten in einem großen Haus mit anderen Bewohnern, die alle ihre eigene Einsiedelei betreiben. Der eine mehr, die andere weniger. Wie sagte doch eine Psychologin über Beziehungen? In einer perfekten Welt wären wir alle allein. Nur, für Kinder ist so eine Welt nicht gemacht. Kinder brauchen Beziehungen. Und ein Kuscheltier im Bett.

Also rauf ins gestapelte Quartier: es wartet Kaffee und Kuchen!



Herr Boginski zieht in den Bundestag ...

21. Sept. 2021: Bevor die Septembersitzung der Stadtverordnetenversammlung begann, stand Frau Fellner, ihres Zeichens Baudezernentin, draußen in der frischen Luft vor der Hufeisenfabrik des Familiengartens und sah, in Schale geworfen, entspannt ihrer Wahl zur Ersten Beigeordneten der Stadt Eberswalde entgegen. Sie meinte aber, darüber hätten die Stadtverordneten zu entscheiden. Drinnen, in der Halle, sorgten die Bediensteten der Stadt noch für das altbekannte Corona-Prozedere, die Mandatsträger begrüßten sich per Faust, ein Mitarbeiter der Stadt machte artig seinen Diener vor der Presse, die Live-Kameras wurden positioniert … bis der Vorsitzende die Glocke hören ließ, um den Beginn der Hauptsitzung der städtischen Politik einzuläuten.

Zwei Einwohner, Mutter und Sohn, beklagten in der Fragerunde, dass sie ihr Gartengrundstück nicht käuflich erwerben könnten, ein Thema, das schon ausführlich in der Presse behandelt wurde. Man wolle nochmal miteinander reden, so die Auskunft der Stadt. In anschließender Wortmeldung präsentierte Stadtverordneter Zinn einen ganzen Fragenkatalog an die Stadtverwaltung, in dem es um den neuen Eigentümer des EKZ Heidewald, um die Zukunft des Spechts und um Personalien in Zusammenhang mit dem Weggang des Bürgermeisters in den Bundestag ging. Zu allen Punkten, so die Antworten, sei es noch zu früh eine Auskunft zu geben. Einmal wegen Grundbuchfragen, gab Anne Fellner zu Bedenken und zum anderen, so Friedhelm Boginski, habe er noch immer die Richtlinienkompetenz als Bürgermeister und sein Mandat sei noch nicht abgelaufen. Herr Zinn warnte davor, im Bundestag wehe ein anderer Wind, aber er persönlich hätte kein Problem mit dem bisherigen öffentlichen Auftritt des Bürgermeisters.

Sebastian Walter von den LINKEN wünschte sich mehr Courage vom Stadtoberhaupt, sei es wegen eines rassistischen Vorfalls gegenüber einer syrischen Familie oder wegen einer missglückten Stellungnahme zum Hausverbot, das das Café Kleinschmidt öffentlich gegenüber Mandatsträgern der CDU, SPD und den Grünen ausgesprochen hatte. Eine Spaltung der Gesellschaft wegen der Corona-Misere dürfe es nicht geben und auch keine Ausgrenzung von demokratischen Parteien, so Walter, das erinnere ihn an dunkle Zeiten. Herr Boginski stimmte dem grundsätzlich zu, er habe aber auch Verständnis für die schwierige Lage der Gastronomen, die unter den Corona-Maßnahmen bisher sehr gelitten haben.

Ob der Bürgermeister in den Deutschen Bundestag einzieht, werden wir am Sonntag in fünf Tagen wissen. Einen guten Listenplatz hat er ja. Oder es geschieht noch ein Wunder und Annalena Baerbock von den Grünen wird Kanzlerin. Nein, die FDP will ja noch die Grünen überholen und die CSU sieht die Kanzlerfrage noch nicht entschieden. Derweil musste Olaf Scholz in einem Untersuchungsausschuss Frage und Antwort stehen und konnte sich kurz vor der Wahl noch einmal als souveräner Politiker präsentieren. Im Bundestag wehe ein rauher Wind, so sprach Lokalmatador Carsten Zinn zum Noch-Bürgermeister von Eberswalde. Wünschen wir Herrn Boginski ein ebenso souveränes Auftreten und dass sich seine Partei nicht wieder Regierungsgesprächen verweigert.



Ein Mops kam in die Küche ...



Disney-Kitsch und Wahlprognosen

6. Sept. 2021: Wenn man den aktuellen Umfragen glauben mag, sieht es ganz nach einem neuen Bundeskanzler Olaf Scholz aus, der in einem August-Surprise die SPD an der Union vorbeiführte. Kandidat Laschet kann nicht so recht durch seine Person überzeugen und so zwangen die sinkenden Werte der CDU/CSU den konservativen Block dazu, ein Kompetenzteam aufzustellen, mit avisierten Ministerposten. Schön und gut, denkt sich der Beobachter und erinnert sich an 2002, wo Herr Stoiber mit seiner Kompetenzkompetenz auch die Wahl versemmelt hatte. Die Frage ist doch, welche politische Kraft führt die Gesellschaft glaubhaft und entschlossen durch den Klimawandel und lässt dabei die Schwachen nicht zurück. Die Reichen kaufen sich eine Klimaanlage und zwei Elektroautos, während die Armen unter steigenden Lebensmittelpreisen und sich verteuernden Mieten leiden. Man muss sich Klimawandel auch leisten können! Mit diesem Thema werden wir allerdings voraussichtlich die nächsten 1000 Jahre zu tun haben und viele Menschen älteren Semesters sehen es partout nicht ein, die paar Jahre bis zum Friedhof auf ihren PS-Untersatz zu verzichten. Es sind nicht alle Leute wie meine Nachbarin, die nur das Haus kurz per pedes verlässt, um zum Einkauf oder zum Arzt zu gehen. Allerdings kocht sie recht viel. Das gibt Punktabzug! So wie der Klimawandel eine recht zähe Angelegenheit ist, so sind es die Gewohnheiten der Menschen, die sich grundlegend ändern müssen. Ein Tagesausflug per Auto an die Ostsee? Die neuesten Schnäppchen von Kaufland? Der neue 4K-Plasmabildschirm? Muss das wirklich sein? Die kritische Jugend beginnt zu hinterfragen und statt ans Kinderkriegen zu denken, campieren sie in Schlafsäcken vorm Reichstag, um ein Signal zu setzen. Freunde, habt Geduld, für die nächsten 1000 Jahre ...

In der Lokalpolitik versucht sich gerade die Stadt Eberswalde als attraktiver Wohnstandort für großstadtmüde Berliner zu profilieren. Nicht nur, daß etliche Wohnprojekte geplant oder schon umgesetzt sind, auch auf ihrer Internetpräsenz versucht sich die Kreisstadt von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. Mit Hilfe eines externen Dienstleisters ist es gelungen, die Stadt aus verschiedenen Vogelperspektiven zu zeigen: zum einen die Altstadt (auch mit Geschäftsansichten), das Gründerzeitzentrum zum Bahnhof hin, Westend, den Familiengarten, Finow und die Messingwerksiedlung. Man wähnt sich beim Betrachten der fließenden 3D-Bilder in einer anderen Stadt. Ist das wirklich Eberswalde? Oder nicht etwa Baden-Baden oder München? Die Experten haben ganze Arbeit geleistet: die Drohne flog bei ausgesuchten Wetter- und Lichtbedingungen, und nachträglich, im Studio drehte man noch den Farbregler auf 200 Prozent. Heraus kam: feinster Disney-Kitsch mit Kaugummigeschmack!

Während die Menscheit noch darüber berät, welchen Weg man im Klimawandel beschreitet, geht die Natur ganz praktische und spontane Wege: was stört, wird einfach beseitigt. Die Krähen hier in der Straße machen es vor: die vielen geparkten Autos behindern sie bei der Futtersuche, also lassen sie aus der Luft Steine auf die Autos fallen, um ihrer Aggression ein Ventil zu bieten. Das ist zwar nur ein hilfloser Versuch, aber doch ein ziemlich intelligenter Ansatz, findet dieser September-Blog.



Zeugnis eines hoffnungslosen Scheiterns

16. Aug. 2021: Man könnte vielen Sachen im Leben dieses Testat ausstellen: die erste Liebe, der erste Job, das erste Auto - Dinge, die meistens in der Katastrophe endeten. Das Leben ist nicht dazu da, immer zu gelingen, sagt sich das junge Kalb auf dem Weg zur Weißwurst. Verzweifelt versucht man den Menschen zu predigen, sie müssten ihren Lebensstil ändern, um zwei Grad oder einen neuen Lockdown zu verhindern. Aber in Wirklichkeit verbraucht Deutschland soviel Ressourcen wie noch nie, setzt soviel Treibhausgase frei wie nie zuvor, und das trotz Virus-Pandemie! Vielleicht nicht trotz, sondern wegen: denn das Autofahren war ja nicht verboten und die Straßen waren voll wie immer, auf der Jagd nach Schnäppchen. Es ist ein grandioses Scheitern. Wie kann man es anders nennen, wenn der höchste Posten, den dieses Land zu vergeben hat, ein Grüßaugust ist. Wenn eine militärische Supermacht wie die USA samt ihrer europäischen Verbündeten Hals über Kopf aus einem islamisch geprägten Gebirgsland fliehen muss, weil die einheimische Truppe nicht willens ist, auf ihre Landsleute zu schießen. Die Deutschen wollten auch nicht auf ihre Landsleute schießen, im Herbst vor 32 Jahren. Dies war jedoch kein Zeugnis hoffnungslosen Scheiterns, wie Bundespräsident Steinmeier nahelegte, sondern ein kurzes Aufflackern eines Begehrens, keine Deutsche zweiter Klasse mehr zu sein, sondern teilzuhaben an dieser Welt: mit Westauto, mit Westschokolade, mit Westklamotten. Letzteres ist leider geglückt, muss man wohl mit Blick auf das Klima sagen. Daran, daß sie Deutsche zweiter Klasse sind, hat sich jedoch nichts geändert. So war der Einsturz der Berliner Mauer gewiss auch ein Zeugnis hoffnungslosen Scheiterns.



Kulturjahr kulminiert im Stahlbau



Programmierer denken anders ...

5. Juli 2021: Wenn man sich mit dem Internet ein wenig auskennt, ist einem das Problem des "denial of service" nicht unbekannt. Dieses Phänomen passiert, wenn sehr viele Anfragen gleichzeitig von verschiedenen Seiten auf einen Server einprasseln, weil die Nachfrage plötzlich nach oben schießt, zum Beispiel durch einen Medienbericht. Manchmal aktivieren aber auch Hacker die weit im Netz verstreuten Bots, um ein Unternehmen anzugreifen und die Webseite durch zig Millionen sinnloser Anfragen lahmzulegen.

Keine Bots, sondern reale Menschen führen gerade zu einem Denial of Service bei unserem Hausmeister. Er verweigert jede Auskunft und schiebt alles auf "die da oben". Von verantwortungsvoller Informationspolitik keine Spur. Was wird nun mit unseren Häusern? Müssen wir alle ausziehen? Ich kann nicht umziehen! Wie hoch steigen die Mieten? Wo sollen wir denn hin? In einen Schwedter Typ ziehen wir niemals! ... Mit solchen Anfragen, oft hoch emotional, muss sich der gute Mann täglich herumplagen und kann nur die Arme heben. Offizielle Schreiben gibt es nicht. Nur Werbebroschüren für Schwedter-Typ Wohnungen mit englischen Fantasynamen. Kann man das noch ernstnehmen?

Man fängt an, selber zu recherchieren: bei dieser gewaltigen Schuldenaufnahme müssen nach der Sanierung und Modernisierung bestimmt über 8 EUR nettokalt verlangt werden, um wirtschaftlich bestehen zu können. Das würde für manche Mieter eine Erhöhung auf 200 Prozent bedeuten! Das ist modernes Raubrittertum. Aber ja, es gebe Sozialwohnungen, sagt der Fördervertrag. Nur für wen? Man liest das Wohnungsbauförderungsgesetz des Landes Brandenburg, stellt fest, daß es wirklich legal "Schaffung von Wohnraum" ist, was man hier vorhat, obwohl in den Wohnungen Mieter leben und stößt auf die Passage zum Wohnungsberechtigungsschein und zu den Einkommensgrenzen.

Prima, denkt sich der Leser, genug wenig Einkommen hat er ja locker, sodass er im 1. Förderweg nur 4,90 EUR nettokalt bezahlen müsste. Aber da gibt es ja noch den WBS. Der Schein ist an Bedingungen geknüpft, ohne den es keine Sozialwohnung gibt. Eine davon lautet: für eine Person maximal zwei Räume (außer Bad und Küche). Die andere Bedingung ist eine maximale Quadratmeteranzahl, die im Gesetz offengelassen wurde.

Bedingungen sind für den Programmierer das täglich Brot, das Einmaleins für den Computer. Wenn jetzt also, wie hier im Gesetz geschrieben steht, das Eine ODER das Andere gilt, heißt das für den Codierer: WIR SIND DURCH! Die Zwei-Raum-Bedingung ist erfüllt, also gibts die Sozialwohnung. Aber Programmierer müssen sich zig-mal absichern. Hat hier der Laie gepfuscht? Kommt alles vor. Also bei der Stadt angerufen und nachgefragt. Man bekommt den Herrn, der die WBS bewilligt, an die Strippe, der folgendes ausführt: Als eine Person steht Ihnen maximal 50 Quadratmeter zu, bei gleichzeitiger Zwei-Raum-Wohnung. Haben Sie diese mit 60 Quadratmetern, bekommen Sie keinen WBS! Wobei er wieder das ODER gebrauchte.

"Guter Mann ..." klärte ich Ihn auf, "hier müsste aber dafür ein UND im Gesetz stehen." Denn beide Bedingungen müssen für ein OK erfüllt sein. Er gab sich geschlagen, meinte aber, es sei so, wie er sagte und das mit den Quadratmetern müsse ich mit dem Vermieter klären. Wenn der Status Quo nun bliebe, wäre das kein Problem. Ich habe 50 Quadratmeter. Nun besagt aber "Schaffung von Wohnraum", daß unter "erheblichem Bauaufwand" bestehende Wohnungen an "neue Wohnbedürfnisse angepasst" werden, für wen das auch sein möge. Das heißt auf deutsch: größere Küche, größeres Bad, zwei Räume, ja, aber plötzlich hätte ich 60 Quadratmeter, bekäme keinen WBS, und bliebe auf einer 8-EUR-Mondmiete sitzen! Bitte, meine Damen und Herren, wir sprechen von Eberswalder Mieten, nicht von Berliner Mieten.

Was also tun? Entweder man behält die Wohnung, hat Glück und sie brechen nicht die Wände durch, ODER man bleibt drin und zahlt kräftig, bis es blutet ODER man gibt sich geschlagen und zieht irgendwohin, wo man einen WBS bekommt. Alles Optionen. Ein UND ist hier nicht möglich. Man muss sich entscheiden. Aber man will kein Getriebener sein, man will nicht das Pferd sein, sondern der Kutscher!



Der Mensch ist keine Immobilie!

12. Juni 2021: Die Deutschen sind ein sonderbares Volk. Während andere europäische Völkerstämme kein Problem damit haben, sich eine Wohnung fest anzueignen, also zu kaufen, bindet sich der Germane zwischen Flensburg und Füssen nur ungern an die eigenen vier Wände. Und das mit gutem Grund: die Arbeit, die Liebe, eine Krankheit oder die Familie erfordern für viele Menschen, nach einer gewissen Zeit, die Wohnung aufzugeben und sich nach einer neuen Bleibe umzuschauen. Was ist, wenn man bankschuldenmäßig bis an sein Lebensende an das Haus gefesselt ist? Dann muss eben die Beziehung halten, komme da was wolle. Dann wird um- und angebaut oder im Notfall verkauft, mit Verlust in der Regel. Und doch wollen selbst die etwas flexibleren Mieter nicht alle paar Jahre umziehen. Ein Umzug ist ein enormer Stress, die Hälfte der Sachen geht den Jordan hinab, vom Geld ganz zu schweigen und wenn man dann glücklich im neuen Heim ist, braucht man Jahre, um sich wieder gemütlich einzurichten und sich zuhause zu fühlen. Deswegen sollte man älteren Leuten einen Umzug unbedingt ersparen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr!

Nun geht hierzulande, dank staatlicher Gelder, wieder das Sanierungsfieber los. Alte Blöcke, gestern noch gemieden, sollen der letzte Schrei werden: moderne Grundrisse in verschiedenen Größen, Aufzüge und amerikanische Küchenzimmer. Um die Bauarbeiten zu ermöglichen, erfolgt im großen Maßstab eine Mieterverschiebung. Ein neu hergestelltes Haus wird mit Singles, Witwen und Familien gefüllt, die aus den nächsten Bau-Kandidaten herausgelockt werden, denn "es werde bestimmt laut und schmutzig ..." Viele lassen sich notgedrungen darauf ein, denn Schichtarbeit verträgt sich nicht mit Baulärm oder wollen endlich ein Bad mit Fenster haben. Der Umzug wird zwar bezahlt, doch das eingesparte Geld geht gleich wieder zurück in Form einer höheren Miete, die natürlich markgerecht angepasst ist. Von 4 EUR kalt möchte heute kein Vermieter mehr leben. Und so geht der Reigen weiter und das Mieter-Karussell rotiert über dem ganzen Stadtteil. Es ist ein "Bäumchen-wechsele-Dich", damit immer ein paar Häuser komplett frei sind für die Handwerkerkolonnen. Menschen kann man einfach verschieben, Häuser nicht. Denn der Mensch ist ja keine Immobilie ...



Leichte Kritik im Stadtbild



Pfingsten, das unbekannte Fest

23. Mai 2021: Im sich leider nicht erwärmenden Frühjahr, kurz vor Erreichen der Mittsommernacht, wird ein sonderbares Fest begangen. Eigentlich wird es überhaupt nicht begangen. Man merkt nur, daß mancher Bäcker nicht wie sonst sonntags geöffnet hat (traurige Kunden ziehen wieder von dannen) und daß man noch den Montag gratis als Gammeltag dazu bekommen hat. Gut, manche nutzen das verlängerte Wochenende für den Garten, aber die meisten werden froh sein, mal nichts tun zu müssen.

Aber was sind das für seltsame Feiertage? Pfingsten kommt von dem griechischen "pentekoste" und bedeutet "fünfzigster (Tag)" nach Ostern. Der christlichen Legende nach soll an diesem Tag der "Heilige Geist" auf die Jünger Jesu herabgekommen sein, so daß sie sich als Gemeinschaft begriffen und begannen, ihren Glauben (daß Jesus am Ostersonntag auferstanden ist) aktiv in die Welt zu tragen. Somit wird Pfingsten auch als Beginn der weltweiten Mission und als Gründung der Kirche angesehen.

Zweitausend Jahre später ist hier, in Brandenburg, von der weltweiten Mission nicht mehr viel übriggeblieben. Zu den Gottesdiensten, wenn sie denn stattfinden, kommt gerade noch eine Handvoll Besucher und hört die Predigt in der Gemeinschaft. Was kann heutzutage die Menschen noch von ihrem Sofa herunterlocken, daß sie um 8 Uhr morgens auf den wolkentrüben Marktplatz eilen? Ist es die Kirche? Nein, es sind ofenwarme frische Bäckerschrippen und Brownies zum Kaffee - und die Schlange der hungrigen Leute wird nicht kleiner, während man durch die Glasscheibe junge Bäcker/innen beim Hantieren mit Teigwürsten beobachten kann.

Pfingsten, das unbekannte Fest. Aber halt! Da war doch noch was ... Zu Pfingsten wurde hierzulande, vor langer Zeit, eine große Anzahl von Feiern begangen; zwar nicht der Heiligen und Gläubigen, aber dafür von den Hoffnungsträgern der Nation, von vom Gürtel aufwärts in Blau gekleideten Lehrlingen und Studenten, die sich zu den Pfingsttreffen der freien ostdeutschen Jugend versammelten und spürten, daß sie eine große Gemeinschaft waren und getragen vom Geist (darf man das heute noch sagen?) des Sozialismus.

Der sozialistische Geist, wie der christliche, sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Es herrscht der Geist des Konsums (endbetont), der Geist der Rentabilität, der Geist des schnellen Geldes, der Geist von Germanys Next Top Model und der Bundesliga. Dies sind die neuen deutschen Religionen und sie werden wöchentlich begangen. Man muß nur ein Premium-Abo haben ...



Tanz in den Mai

1. Mai 2021: Während in der Hauptstadt in Kreuzberg und in Grunewald adoleszierende und in die Jahre gekommene Revolutionäre die Berliner Polizei auf Trab halten, die besonders gehalten ist, auf das Vermummungsgebot zu achten, kann man in der Provinz, wenn man will, bei trübem kühlem und nassen Wetter auf den Marktplatz pilgern, um ein paar Gewerkschafter und politische Aktivisten bei der Selbstvergewisserung und bei den üblichen Reden zu beobachten. Aber eigentlich ist der 1. Mai im Jahreslauf der perfekte Feiertag: Demonstrationen, bei der die Teilnahme Pflicht war, sind lange her, und auch familiär steht man nicht unter Besuchsdruck; es müssen keine Geschenke gekauft und verpackt, und auch keine Grußkarten geschrieben werden, also pure Entspannung für den, der kann und will. Die Tanzlokale der Hauptstadt, Verzeihung, natürlich: die angesagten Clubs sind noch alle zu, wegen der Pandemielage - aber es deutet sich eine leichte Verbesserung an. Die Kreise Oberhavel und Märkisch Oderland sind jetzt auch dem standhaften Barnim gefolgt und sinken unter die ominöse 100-Zahl, d.h. die Geschäfte können wieder für Besucher öffnen, zwar mit Termin und Datenabfrage, aber das wird mittlerweile ganz praktisch gehandhabt. Der Zoo lockt alldieweil Familien mit kleinen Kindern auch am ersten Maiwochenende in die Waldstadt, ein Angebot, das rege angenommen wird und die Besucher fahren mit ihrer Blechkarosse über Stunden, um den Pinguinen beim Planschen und den Löwen beim Gähnen zuzusehen. Die Menschheit jedenfalls kann sich keine Frühjahrsmüdigkeit leisten. Seit einem geschlagenen Jahr ist der Alarm "ganz oben", um Jan Josef Liefers zu zitieren, und viele Menschen sind der Viruszahlen müde. Man kann es nicht mehr hören und lesen, und doch ist man verpflichtet zu schützen und zu helfen. Die Luftwaffe fliegt den Airbus der Kanzlerin nach Neu Delhi, um mit einer Sanitätsstaffel und Beatmungsgerät die prekäre Lage vor Ort etwas zu lindern. Auch andere Nationen helfen Indien, dem Land mit übergroßer Bevölkerungszahl und besonders vielen Armen, dort, wo das Virus leichtes Spiel hat. Derweil stellt man in Deutschland fest, daß die Inzidenzzahlen in sozialen Problemstadtteilen viel höher sind als in gutsituierten Vierteln. Zum einen, weil die Reichen viel mehr Abstand voneinander halten können, zum anderen, weil Migrantenfamilien von der grassierenden Virusinformationskampagne nicht erfasst werden, und auch die geltenden Regeln weniger beachten. Mit vier Kindern in einer Zweizimmerwohnung manchmal schwer umzusetzen und auch das gemeinsame Mahl mit Freunden ist viel wichtiger als bei den Deutschen. Darauf wird nicht verzichtet. Die Deutschen sind lieber für sich, schlucken tagaus, tagein die neuesten Zahlen aus Fernsehen und Radio, und sehnen sich nach dem Frühlingstage, an denen die Cafés wieder öffnen dürfen und man seinen Latte Macchiato bei WLAN und Schwarzwälder Kirschtorte genießen kann. Wohl bekomms!



Frühling in der Stadt



Zum Tag des Frisörs

1. März 2021: Die Haare wachsen, schon seit 17 Wochen, und die Leute beginnen, einen immer freundlicher anzuschauen. Woran kann das liegen? "Mein Herr, schauen Sie doch mal in den Spiegel!" sagt mir eine innere Stimme, doch dazu müsste man erstmal den Spiegel gründlich putzen. Meine Putzfrau hat gekündigt. Sie muss ihre ukrainische Familie versorgen. So bin ich schon seit Herbst meinem Schicksal überlassen, ebenso die dünnen Zumpeln, die aus der Kopfhaut hervorquellen und mit denen die weibliche Schöpfung reichhaltiger gesegnet ist. Man versteht die Welt nicht mehr. Die Menschen geben sich nicht mehr die Hand, gehen sich aus dem Weg, grüßen sich nur verzweifelt aus der Ferne und verlassen ihre vier Wände nur noch für das Allernötigste und selbst die Verwandtschaft, die geliebten Seelen, sahen manche schon seit Monaten nicht mehr. Man versteht so vieles nicht. Was leben wir in für einer Zeit? Wöchentlich, täglich, sogar stündlich hört man neue Zahlen im Radio: da ist von Zehntausenden, von Hunderten und von Zehnern die Rede und kaum einer kann sich darunter etwas vorstellen. Was soll diese Zahlenjongliererei? Ist das eine andere Form von Schulunterricht? Dann wird wieder etwas verkündet und beschlossen, und fünf Tage später dann das Gegenteil gemacht. Wer kennt sich da noch aus? Es regiert das Chaos, jawohl, das Chaos! Gesicherte Existenzen stehen von heute auf morgen vor einem Scherbenhaufen und können nur zusehen, wie die Leute von draußen winken. Sie dürfen nicht herein. Wer maßt sich so etwas an? Wer hat so eine Macht? Vor etwa einem Jahr, als das alles anfing, regierte die blanke Angst, das Entsetzen. Bilder mit tausenden von Särgen fluteten die Kanäle und die Menschen kamen offenbar gar nicht mehr von der Toilette runter. Die Straßen waren leer, die Busse waren leer, die Nudelregale waren leer. Alle hatten Angst. Aber wovor? Niemand hatte es gesehen, man konnte es nicht zählen und doch war es da. Man machte sich lustig über fremde Völker, die auf der Straße hellblaue Stoffe zwischen Kinn und Augen trugen, nur eine brutale Diktatur wäre dazu imstande, die Menschen so zu dressieren, so der Tenor der Kommentare. Schon damals wuchsen die Haare. Aber es war Frühling, die Sonne strahlte von Tag zu Tag immer heller, und dann war das seltsame Etwas auf einmal verschwunden. Die Haare wurden wieder ordentlich geschnitten und man konnte wieder in den Zoo gehen, zu seinesgleichen. Doch auf einmal gab es einen Überschuss an diesen hellblauen Stoffen, irgendwer hatte wohl eine Milliarde Stück bestellt, und so mussten auch wir, obwohl von einer Diktatur meilenweit entfernt, diese Fetzen tragen, die man vollrotzte, die an den Ohren kniffen und die ab da an die Straßen und Grünanlagen vermüllten. Nur wegen diesem rätselhaften Etwas, das in der Luft lag? Die Zahlen schwirrten wieder herum, von Tag zu Tag wurden es mehr Zahlen, man setzte Marken und Grenzen, und hoffte doch aufs Weihnachtsgeschäft. Das rätselhafte Etwas eroberte die Altenheime und Krankenhäuser, und die dort Beschäftigten appellierten und riefen: "Tut etwas! Wir können nicht mehr ..." Also fingen die Haare wieder an zu wachsen und sie wuchsen seitdem ununterbrochen ...



Lockdown, Jesus und der Nikolaus

10. Dez. 2020: Der Advent ist eigentlich die schönere Zeit als das Drumherum an Heiligabend. Alles ist schön geschmückt, die Christmas-Songs erklingen im Radio, man kauft die ersten Geschenke ein, verpackt sie liebevoll und manche Zeitgenossen bescheren ihre Lieben schon am Nikolaustag. Ich muss zugeben, das ist mir sehr sympathisch. Wenn man sich an Heiligabend auf die christliche Botschaft, evtl. auf einen Gottesdienst und auf Besinnlichkeit konzentriert, reicht das meines Erachtens völlig aus. Doch was machen wir seit Martin Luther? Weihnachten endet regelmäßig im Overkill. Und statt sich über Jesus zu freuen, sind alle unzufrieden über die Geschenke und die Verwandtschaft geht sich langsam auf den Keks. So kam der Stress in die Welt. Vernünftige Zeitgenossen entzerren die Zeit also mit der Bescherung zu Nikolaus und im Advent.

Daß es dieses Jahr keine Weihnachtsmärkte gibt, ist wirklich schade und ein echter Verlust, nicht nur für die Händler. Dabei ist man doch an der frischen Luft und der Glühwein würde jedes Virus mühelos töten. Nun reicht das alles nicht, sagt die Bundeskanzlerin und malt schon wieder Familienbegräbnisse an die Wand. Nach Weihnachten, so pegelt sich die aktuelle Stimmung ein, soll es einen schärferen Lockdown geben und nicht nur Theater, Kinos, Konzerte, Freizeitsport, Museen und Tierparks sollen betroffen sein, nein, sondern wahrscheinlich auch alle nicht lebenswichtigen Geschäfte müssen wohl wieder schließen. Meine arme Buchhändlerin!

Doch was erreicht man dadurch? Die Leute stürzen sich dann vor Weihnachten noch stärker als sonst in den Einkauftrubel, weil, nach dem Fest soll ja alles zu sein. So verhilft politischer Aktionismus nicht nur dem Virus zu größeren Umsatzzahlen, sondern der allgemeine Weihnachtsterror wird unnötig gesteigert und nach dem Fest kommt was? Totenstille? Leere Straßen, leere Städte, leere U-Bahnen? Von wegen! Die Leute fahren weiter wie eh und je mit ihrem SUV vorm Supermarkt vor und an den Kassen der Discounter werden sich weiter die Schnäppchenjäger drängeln, denn Angebote gibts natürlich trotz Lockdown weiterhin. Die Menschen haben keine Angst mehr vor diesem winzigen Störenfried, namens Coronavirus, und ob sich eine Familie trifft oder nicht, kann keine Polizei der Welt kontrollieren. Es wird Zeit, daß geimpft wird ...



Von Toiletten, Apotheken und fehlenden Jugendtreffs

24. Sept. 2020: Im Hubschrauberlärm eines Noteinsatzes am Pennymarkt gingen die Worte des Vorsitzenden unter, aber auch sonst konnte man nur ahnen, über welche Punkte jetzt abgestimmt werden sollte. An der Technik lag es sicher nicht. Die Worte einer älteren Dame, die in der einleitenden Einwohnerrunde ihre Anliegen vortrug, konnte man sehr gut verstehen. Zum einen ging es um das Problem, daß man im medizinischen Notfall zwar ein Rezept bekäme, aber oft nur eine Notdienstapotheke erreichen könne, die in Joachimsthal, Oderberg oder sogar Bad Freienwalde Dienst tut. Das sei für die Eberswalder Einwohner, die über kein Auto verfügten, unzumutbar, erklärte die resolute Dame. Bei zehn Apotheken vor Ort müsste es doch möglich sein, daß jeweils eine immer geöffnet hat. Dies sei ein Auftrag an die Stadtverordneten, sich des akuten Problems anzunehmen. Dr. König aus der Stadtverwaltung erklärte, dazu müsse man sich mit der Landesapothekenkammer in Verbindung setzen, aber er wisse von Apothekern, daß es oft einfach unverhältnismäßig sei, daß eine Apotheke wegen zwei Notfällen in der Nacht aufhabe. Auch seien die Notdienste gesetzlich geregelt, sodaß es leider manchmal dazu komme, daß den Betroffenen empfohlen werde, mit dem Zug oder mit dem Taxi zu einer 20 km entfernten Apotheke zu fahren. Ob ein akut kranker Mensch dazu überhaupt in der Lage ist, wurde nicht erörtert. Der Vorsitzende bat, sich kurz zu fassen, und so trug die Einwohnerin noch das Problem der wenigen geöffneten Sanitäreinrichtungen rund um den Marktplatz vor und daß diese sehr oft verschmutzt seien. Stadtverordneter Zinn ergänzte, es sei sehr ungünstig, daß die Toilette im Paul-Wunderlich-Haus nicht mehr von der Kreisverwaltung aus zugänglich ist, sondern nur noch für Gäste des Café Gustav. Frau Fellner vom Bauderzernat appellierte an alle Bürger, die Toiletten sauberzuhalten, denn es sei nicht zu leisten, nach jeder Benutzung eine Putzkraft hineinzuschicken. Am Schluß ihrer kurzen markanten Rede bemängelte unsere Einwohnerin noch, daß die Jugendhütte in Finow abgebaut wurde, aber kein annehmbarer Ersatz geschaffen wurde. Wo sollen denn die Jugendlichen heute hin, fragte sie. Discos wie in Kruge vor 20 Jahren gebe es nicht mehr. Da sei manches im Argen ...



Feté de la Viertel

5. Sept. 2020: Kiezfest im Brandenburgischen Viertel: Diesmal war alles räumlich getrennt. Am Vereinshaus der 1893 eG versuchte sich ein einsamer Gitarrenspieler an den ersten Tönen vor noch leeren Stühlen. Den ganzen Vormittag hatte es geregnet. Im Haus war das Studio für Guten Morgen Eberswalde während der Coronazeit untergebracht, das Live- sendungen ins Internet produzierte. Jetzt werden die Räume in der zweiten Etage für die Galerie Fenster umgebaut, weil am jetzigen Standort (siehe Foto) bald der Rückbau vonstatten geht. Beim Kontakt e.V. - der Wirkungsstätte unserer Russlanddeutschen - ließ Frau Schäfer Lose ziehen und man bekam ein Überraschungsgeschenk für 1 EUR. Tee war nicht nach dem Geschmack des Besuchers, er suchte den Bratwurststand. Am Potsdamer Platz war etwas mehr los. Am städtischen Stand bat eine junge Dame von der Stadtentwicklung um Vorschläge für die Aufwertung des Quartierseingangs WEST und notierte sich diese. Beim Quartiersmanagement half ein junger Mann aus Franken beim Verteilen von Prospekten und Kuchen (umschwirrt von Wespen), während gleich daneben ein Eberswalder Judoka-Großmeister (79) auf Verlangen fast die Rolle demonstriert hätte, nur wegen dem Knie ginge das jetzt leider nicht. Lady Undertone sorgte derweil für Musik und Stimmung und die kleinen Kiezbewohner beschäftigten sich mit Mattencurling. Wieder keine Bratwurst! Hurtig zur Spreewaldstraße, zum Buckow-Verein. Dort vorm Haus gab es eine Stand-Up-Performance: Schortie Scheumann, Berliner Schauspieler und Eberswalder Urgestein trug einen Brecht-Klassiker vor, für den es Szenenapplaus gab. Das Messer, das sah man nicht, und die anwesenden Damen luden zum Verweilen ein. Nein, hier gab es auch keine Bratwurst! Nach einem Bach-Trompetensolo und einem Duett-Kanon zog man auf der Suche nach fester Nahrung weiter. Stimmen erschollen vom Hof des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses und ein wohlbekannter Duft stieg in die Nase. "Wir haben die beste Bratwurst weit und breit!" verkündete stolz die junge kurzhaarige Dame am Stand. "Wollen Sie mit Brötchen? Senf und Ketchup ist dort ..." Wieder wechselte harte Währung den Besitzer und in Ruhe die nichtvegane Wurst verspeisend, schaute man sich den Spielplatz und den Trubel im Hof an. So, das war lecker! Nun ab nach Hause, da wartet noch der Eintopf mit Sellerie, Möhre und Pastinaken für den halbgefüllten Magen ...




BRAND.VIER - mehr als nur Symbolik

Die vier Bauabschnitte des Brandenburgischen Viertels werden saniert

7. Juni 2020: Bauingenieurin Beatrice Reich macht eine Bestandsaufnahme: beengte Treppenhäuser, alte Fußbodenbeläge, Papptüren, üble Gerüche, veraltete und defekte Sanitärtechnik, tropfende Wasserrohre, Elektrokästen mit Museumswert, Ein-Rohr-Heizung, keine Fliesen in den Bädern, defekte Balkonbrüstungen und abblätternde Farbe an den Balkonen, Fenster und Griffe aus DDR-Zeiten, ungedämmte Kellerdecken und alte Holzverschläge als Kellertüren - für solche Wohnungen finde sich heutzutage kein Mieter mehr, so die 60-jährige Köpenickerin, die in der Genossenschaft eine neue Aufgabe anpackt, nämlich die Aufwertung des gesamten Wohnquartiers für "genossenschaftliches, ökologisches und klimafreundliches Wohnen in der Zukunft". Eigentlich sollte es schon 2019 losgehen, aber die Verhandlungen mit den Fördermittelgebern zogen sich etwas hin und auch die Eberswalder Politik musste erst der Kooperationsvereinbarung zustimmen, inclusive des äußerst unpopulären Abrisses von drei Leerstandshäusern. Mit dem nun in Angriff genommenen Block der Havellandstraße beginnt der Sanierungsreigen, der die Arbeit des nächsten Jahrzehnts bestimmen wird. Neben einer modernen und optisch ansprechenden Fassade, bekommen viele Häuser Aufzüge, eine Strangsanierung, Doppelrohrheizung, neue Fenster, sanierte Bäder, eine neue Elektroanlage und einen Gemeinschaftsraum für Feiern und Hausversammlungen. Auch das Kochen soll von Gas auf Elektro umgestellt werden. Volker Klich, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft 1893 eG, zeigte sich überzeugt, daß das Viertel "schon in wenigen Jahren wieder ein sehr attraktives, lebenswertes und begehrtes Wohngebiet sein wird". Das Brandenburgische Viertel ist der jüngste Stadtbezirk von Eberswalde: 684 Kinder lebten Ende 2018 hier und jeder vierte Einwohner ist unter 25 Jahren.

Quelle:
Genossenschafts-Geflüster der Wohnungsbaugenossenschaft Eberswalde-Finow eG vom 19.11.2018




Überlegungen zu SARS-CoV-2

15. Mai 2020: Während Alexander Kekulé aus Halle an der Saale nicht viel davon hält, hat sich in der praktischen Politik die Meinung des Charité-Virologen Christian Drosten durchgesetzt, der sich für einen strikten Lockdown der Gesellschaft starkgemacht hat. Auch die gegenwärtige Lockerungsphase hält er für gefährlich und vergleicht sie mit einem "Tanz mit dem Tiger". Das RKI hat sich die Tage dazu durchgerungen nicht täglich wechselnde Reproduktionszahlen zu veröffentlichen, sondern nimmt jetzt einen Mittelwert der letzten sieben Tage. Dem Institut wurde schon vorgeworfen, bewußt höhere Werte zu kritischen Gremiengesprächen zu veröffentlichen. Momentan bewegt sich das Infektionsgeschehen auf niedrigem, aber stabilen Niveau - bei ca. 900 Neufällen - und Alexander Kekulé befürchtet, schon dieses niedrige Niveau könnte durch die Gesundheitsämter auf Dauer nicht nachzuverfolgen sein. Das entspräche nämlich 3-4 Fälle pro Landkreis, was einen Rechercheaufwand von 300 Kontakten pro Tag bedeuten würde. Unterdessen mehren sich die Anzeichen dafür, wie die Süddeutsche Zeitung am heutigen Tage berichtete, daß das SARS-CoV-2-Virus nicht nur hochansteckend ist, sondern die Viren auf winzigen Aerosolen der Atemluft im Raum schweben können und das über mehrere Stunden. Das bedeute zum Beispiel für die Gastronomie: viel lüften, Einsatz von Ventilatoren und bevorzugte Bewirtung im Freien, wie Dr. Drosten dringend empfahl. Mit der Aerosolthese ließe sich der Gebrauch der Masken im öffentlichen Raum noch stärker begründen, da diese vom Gewebe gefiltert werden, wenn auch nicht zu 100 Prozent. Ob die Maskenpflicht jedoch einen nennenswerten Effekt auf das Infektionsgeschehen hat, lässt sich nicht seriös ermitteln. Auch welchen Anteil der starke Lockdown der Gesellschaft hatte, welchen Anteil die Abstandspflicht und welchen Anteil das allgemein wärmere Wetter, das alles lässt sich nur vermuten. Sicher sind nur die Zahlen der Steuerschätzung für 2020. Die Experten gehen von staatlichen und kommunalen Mindereinnahmen von insgesamt 98.000.000.000 Euro aus. Das ist nicht nur ein Loch im Haushalt des Landes, das ist die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Und das sind nur die zählbaren Verluste. Die psychologischen und gesellschaftlichen Schäden durch die Art, wie wir mit dem Mikroorganismus umgegangen sind, lassen sich noch gar nicht überblicken. Abgesehen von diesem Negativen, gab es auch Menschen, die von der Entschleunigung des Lebens angetan waren und neue, einfachere Wege beschreiten konnten.




Nach den großen Beschlüssen ...

23. März 2020: ... der letzten Woche sieht es so aus: Montag zur Mittagszeit, der Supermarkt ist gähnend leer. Am Flaschenautomaten sind 2 m Abstandsspuren auf dem Boden. Ich drücke die Taste mit einem Tempotuch. Kaum ein Kunde in den Gängen und alles gut gefüllt, außer Toilettenpapier und Milch. Bunte Eier zu Ostern, sehr schön! An der Kasse auch 2 m Abstände, der Kassierer mit Mundschutz. Ich warte brav und lege meine Einkäufe aufs Band. Hinter mir stürmt ein Kunde ans Band und legt seine Sachen gleich neben meine. "Bitte warten Sie!" sage ich und schiebe ihn weg. Der Kassierer ermahnt den Kunden auch: "Halten Sie den Abstand ein!" Der Angesprochene zückt sein Taschentuch und schneuzt sich.

In den Bäckerladen dürfen nur maximal 2 Personen rein. Draußen steht ein Grüppchen Leute, die offenbar nicht bis drei zählen können und unterhalten sich: "Wenn wir nicht machen, was die Merkel sagt, kommt die Ausgangssperre." Schlüsse werden daraufhin keine gezogen. Im Radio berichten Reporter von Menschen, die sich noch unbekümmert verhalten und kommentieren das so: "Wenn Dummheit Strom erzeugen würde, könnten alle Kohle-und Atomkraftwerke abgeschaltet werden und die erneuerbaren gleich mit!"

Der Berliner Verkehr wird ausgedünnt. Es gibt bis zu 60 Prozent weniger Fahrgäste, berichtet die BVG-Sprecherin. Manche Tram- und S-Bahn-Linien fahren gar nicht mehr. Man solle dafür Verständnis haben, denn es mache keinen Sinn, "warme Luft durch die Gegend zu fahren." Nur der Berufsverkehr werde stabilisiert.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts äußert am Montag leichte Hoffnung, daß die Neuinfektionen nicht mehr exponentiell wachsen. Genauere Datenlage erst am Mittwoch. Die getroffenen Maßnahmen könnten Wirkung zeigen. Genau wie das Wetterhoch über Moskau, das trockene Luft bringt und starken Sonnensein. Ein Virologe wurde in der Zeitung zitiert, das Virus sei sehr anfällig gegenüber Austrocknung. Also doch nicht alles schlecht, was aus dem Osten kommt.

Während die in China getroffenen Maßnahmen im Lokalblatt als "brutal" beschrieben werden, sterben in Italien jeden Tag fast 1000 Menschen. Warum in Deutschland keine solche Todeszahlen zu vermelden sind, kann sich niemand erklären. Spanien und Frankreich, auch Großbritannien trifft es jetzt hart. Kliniken im Saarland und Rheinland-Pfalz nehmen französische Patienten mit auf. Italien bekommt das aufrichtige Mitgefühl vom Bundespräsidenten Steinmeier und ein paar Lieferungen medizinischen Geräts. Moskau schickt drei Brigaden Rettungstrupps in die Provinz Bergamo, wo das Virus die meisten Opfer bisher forderte. Ein italienischer Fußballprofi wird zitiert: "Wir haben zu spät aufgehört mit der Liga!" Fußball sei eben doch nicht alles ...




Sie wollen Strom sparen?

Ökologie in der Praxis:

25. Febr. 2020: Viele Haushalte ächzen unter steigenden Kosten: die Lebensmittel, die Miete, die Nebenkosten - alles ufert aus. Wie kann man sich etwas finanziellen Freiraum verschaffen, ohne daß die Lebensqualität darunter leidet? Hier ein paar unkonventionelle, aber auch radikale Tipps, wie man sein Leben wieder in den Griff bekommt:

Ein kleinerer Kühlschrank geht auch

Dieses Haushaltsgerät läuft immer. Eine geringere Leistung macht sich direkt in der Stromrechnung bemerkbar und: braucht man wirklich soviel Platz zum Einfrieren, oder ist es eher ein Ort, wo Lebensmittel vergessen werden?

Verschrotten Sie den Fernseher!

Mal ehrlich: Schauen Sie den Blödsinn im Fernsehen nicht nur aus Langeweile? Nehmen Sie mal ein Buch aus dem Regal oder durchstöbern Sie alte Zeitschriften! Es reicht auch, wenn man die Nachrichten einmal am Tag im Radio hört. Besondere Effekte erzielt dieser Tipp in Haushalten, wo die Glotze aus Prinzip den ganzen Tag läuft. Mit dem Kühlschrank zusammen ist das schon die halbe Miete.

Internet geht auch ohne Router!

Daß Sie Energiesparlampen eingeschraubt haben, versteht sich von selbst. Aber wissen Sie, was Ihnen noch die Groschen vom Konto frißt? Das ist der Router mit Internet-Flatrate. Das Teil sendet 24 h am Tag ein WLAN aus. An der Wärme des Gerätes identifizieren Sie einen kleinen Stromfresser. Muss alles nicht sein. Internet geht auch per Handyvertrag, indem Sie im Smartphone den Hotspot aktivieren und so nur im Bedarfsfall Ihren Computer mit dem Internet verbinden. So vermindern Sie die Strahlung eines WLAN, sparen sich die Home-Flatrate-Gebühren und den Stromverbrauch des Routers. Dann sind Sie schon ein Fortgeschrittener ...

Der Schnickschnack in der Küche ...

Es ist zwar manchmal bequem und vorteilhaft, wenn man über einen Toaster, einen Grill oder eine Mikrowelle verfügt. Doch erstens müllen Sie sich damit Ihre Miniküche zu und zweitens sind das unnötige Stromfresser. Auch ein Heizkissen ist nicht besser als eine Wärmflasche, sondern muss ständig im Auge behalten werden.

Wenn Sie diese Tipps umgesetzt haben, werden Sie auch keinen Besuch mehr von Stromfirmen-Vertretern bekommen. Sie sind dann einfach nicht mehr interessant genug!




30 Jahre Mauerfall - das Ende des Sozialismus

9. Nov. 2019: Manch einer wird sagen: das waren damals unglückliche Vorgänge mit Gorbatschow und Schabowski, aber daß der Umbruch mit einer solchen Schnelligkeit und Dynamik daherkam, das lag auch am gesellschaftlichen Grundproblem im ostdeutschen Staat. Nicht nur, daß die halbe Welt für die meisten DDR-Bürger eine Terra incognita war, unerreichbar, unerforschbar, versperrt durch ein tödliches Mauerregime; das eigentliche Dilemma war die Unfreiheit im Geiste und im Beruf. Die ideologischen Vorgaben wurden durch die Partei vorgesetzt, was darin gipfelte, daß nummerierte Losungen des Zentralkomitees zum 1. Mai herausgegeben wurden, damit die Werktätigen ja wüssten, wofür und wogegen sie auf die Straße gingen. Das ideologische Korsett begann schon in der Schule und wurde mit Universität und Parteischulungen immer stärker. Karrierebewußte Menschen ließen sich gerne für SED und Geheimdienst anwerben und wer nicht in der Partei war, bekam eben keine Beförderung, weniger Gehalt und keinen FDGB-Urlaub an der Ostsee. Der Staat wähnte sich sicher mit 3 Millionen Parteimitgliedern und Hunderttausenden inoffiziellen Mitarbeitern, aber die Mehrheit der Bevölkerung und die einfachen Leute waren einfach nur frustriert, mit steigendem Druck im Kessel. Als Ungarn dann die Grenze zu Österreich aufmachte, bot sich ein ungeahntes Ventil, durch das die Wut schoss und die Bresche wurde immer größer und war am Ende nicht mehr zu schließen. Als am 4. November 1989 eine halbe Million Menschen auf dem Alexanderplatz die Repräsentanten des Staates auspfiffen, waren die Tage der DDR gezählt.




Tantchen SPD auf dem Marktplatz

29. März 2019: Am Mittag des gestrigen Tages erregte ein knallrotes Gefährt in Transportergröße die Passanten zwischen Gustav und Rathaus, darauf zu lesen in weißer fetter Schrift: "SPD im Bundestag" und etwas kleiner: "Gekommen um zu hören". Aber es kam offenbar noch niemand. Ein ganzer Auflauf von Menschen versammelte sich vor einem kleinen grauen Zelt, darin ein paar Tische und davor die lokalen Parteigenossen, von alt bis jung, in Erwartung des hohen Besuchs. Ringsherum postierten sich Kamerateams von Tagesschau bis rbb und auch Fotografen/innen lauerten an jeder Ecke auf den finalen Abschuß. Wer würde hier wohl kommen, war die Frage? Dem Polizeiaufgebot zur Folge, wahrscheinlich irgendein hohes Tier. Die Bundeskanzlerin? Nein, die ist ja nur inoffizielles Mitglied und außerdem gäbs dann eine richtige Bühne zum richtig loslegen. Nein, es war ja nur die SPD. Was haben die Sozialdemokraten in letzter Zeit nicht alles einstecken müssen: im Osten bei den jüngsten Wahlen weit hinter die AfD zurückgefallen und mit einem unglücklichen Kanzlerkandidaten bei der letzten Bundestagswahl, der zuerst als Messias gefeiert wurde, dann sich aber im entscheidenden Fernsehduell jämmerlich blamierte. Martin, Martin ... Franz ist nicht mehr, Peer ist nicht mehr, Siegmar ist nicht mehr, Frank-Walter ist im Bellevue geparkt, Gerhard ist jetzt Weltbürger und Oskar ist nachhaltig fremdgegangen. Nun sucht man sein Heil im Hubertus und in der bodenständigen Andrea, deren Mundwerk noch keinem Skandal ausgewichen ist. Die Frage lautet: Gerechtigkeit! Das war schon immer das Thema der Sozialdemokraten, nur gab es durch die unpopulären und ausufernden Hartz-IV-Bestimmungen in den letzten Jahren immer schlechte Presse und kaum jemand bemerkte die grundlegenden Erfolge, die diese Reform ermöglichte. Nun will sich die SPD, die angeblichen Experten und Umfragen schon immer vertraut hat, von dem Betonfuß Hartz-IV trennen und wieder Oberwasser bekommen.

Die gute alte Tante müsste von den guten alten Zeiten schwärmen, als die Sozis den Kaiser und Bismarck dazu brachten, ein Rentensystem einzuführen, das noch heute der Grundpfeiler dieser Gesellschaft ist. Sie müssten daran erinnern, daß die Sozialdemokraten mit die ersten waren, die in den KZs der Nazis verschwanden und daß sie nach dem Desaster des Ersten Weltkrieges die einzige politische Kraft war, die wieder Ordnung und Gerechtigkeit ins geschundene Land bringen konnte, inklusive Frauenwahlrecht. Und sie müsste an den Ehrenvorsitzenden Willy Brandt erinnern, der mit seinem Kniefall in Warschau eine Wende in der Ostpolitik der alten Bundesrepublik einleitete, hin zu einer Entspannungspolitik mitten im Kalten Krieg der sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcke des Westens und des Ostens. Auch Herbert Wehner sollte nicht vergessen werden, den streitbaren Redner im Bundestag. Aber das sind alles alte Zeiten. Nun heißt es vorwärts schauen. Doch in die Zukunft zu sehen, ist eine seltene Gabe. Ein Experte würde sagen, nein, besser noch: ein Orakel, daß die SPD das Potential dazu hätte, die Parteienlandschaft der BRD völlig umzukrempeln. Wenn sie sich nur geschickt anstellen würde. Das Orakel verschwiege nur die inklusive Möglichkeit des völligen Untergangs. Nein, sowas will keiner hören! Schon gar nicht die führenden Genossen, diesmal Olaf und Katharina, die den Eberswaldern an diesem Tag aufs Maul schauen wollen: Gekommen um zu hören. Das Fernsehen bekam seine Bilder, die Presse bekam ihr Foto und einen Hauptartikel in der Lokalzeitung, und die Hundertschaft der Polizei sorgte für ein überwältigendes Sicherheitsgefühl, daß es einem potentiellen Messerangreifer schwer fallen würde, seinen krankhaften Wahn in Ausführung zu bringen, wie geschehen beim armen Oskar. "Wissen Sie, wer hier kommen soll?" wurde eine schußbereite Fotoreporterin gefragt. "Der Finanzminister und die Bundesministerin für Justiz" war die Antwort. Ungläubiges Staunen: "Wer soll denn das sein?" Das hat man nun davon, wenn man kein Kunde der Qualitätsmedien des Landes mehr ist ...




Ausdauer zahlt sich aus

11. März 2019: Der Freitagnachmittags-Einkäufer bewegte sich vom Drogeriemarkt am Westend-Center, wo er eine Veleda-Seife für 4,25 € eiskalt stehen ließ und dafür eine für 49 Cent kaufte, zum großen Verbrauchermarkt mit den vier großen roten Lettern. Er machte sich den Spaß, weil die Zeit nicht drückte, die Anzahl der angebotenen Produkte zu zählen. Kurz nach der Obst- und Gemüseabteilung war er schon bei 500, und zusammen mit der Butter- und Wurstabteilung inclusive Nüssen und Müsli waren es schon 1000. Mit Brot und Käse, Quark und Joghurt kamen noch einmal 1000 dazu. In einem großen Gang, wo zum Beispiel Marmelade und Kaffee steht, oder Nudeln, Reis und Backzutaten, sind es auch jeweils tausend. Bei sechs Gängen kommen also nochmal 6.000 hinzu. Die Chefin räumte gerade bei den Putzmitteln und bestätigte dem Wissensdurstigen: "Wir haben weit über zehntausend Produkte." Leider, so der Fragende, nutze er davon nicht einmal 1 Prozent. "So ist das ..." resümierte Frau Graep. Eine Tasse Kaffee und ein Stück Bienenstich belohnten den ehrenamtlichen Inventaristen in der angrenzenden Bäckerlounge. Dazu verspeiste er eins der zehntausend Listenprodukte. Plötzlich kam der rotgekleidete Backstandverkäufer und bot dem Freitagnachmittagsgast noch eine Tasse Kaffee gratis an. Ein Kunde hätte schon bezahlt, musste aber - aus welchen Gründen auch immer - dringend aufbrechen. Dazu sagte der Gast nicht nein und bedankte sich für die 2. Tasse cremigen Bohnenkaffee. Man muss nur lange genug warten können ...




Eine Hommage an Bertolt Brecht

"Mackie Messer - der Dreigroschenfilm" im Westend-Kino:

29. Okt. 2018: Alles fängt damit an, daß die Uraufführung der "Dreigroschenoper" kurz vor dem Scheitern steht. Schauspieler schmeißen hin, Requisiten brechen zusammen und der Theaterleiter verlangt Änderungen bei zu freizügigen Passagen. Mitten im ersten Akt versagt die Drehorgel ihren Dienst, doch ein grandioser Schauspieler rettet mit dem "Haifischsong" die Szene. Am Ende feiern die Zuschauer das Stück, nicht zuletzt wegen der eingängigen Musik von Kurt Weill. Die "Dreigroschenoper" wird ein überwältigender Erfolg. Nun melden sich andere Begehrlichkeiten. Die Filmindustrie erwirbt die Rechte am Stück, doch Brecht will nach seinen eigenen Vorstellungen den Film inszenieren, nicht nach den Regeln des Filmmarktes. Damit beginnt ein überwältigendes Panorama an Bildern: Maceath, dem Anschein nach ein Edelmann, betritt die Straße und sein Auge wird sofort von einer spazierenden Dame in den Bann gezogen, besonders von ihrer unteren Partie. Er folgt ihr und die beiden schließen eine Bekanntschaft, die mit der Romanze unterm Soho-Mond von London beginnt. Das Dumme ist nur: die Dame ist die Tochter vom Bettlerkönig der Stadt und Maceath das Oberhaupt einer Kriminellenbande. Der "Captain", wie der Gangsterboss genannt wird, organisiert ein rauschendes Fest, mit den VIPs der Gesellschaft, während Polly ein Brautkleid tragen darf. Sie wähnt sich schon im Hafen der Ehe, bestens ausgestattet, doch ihr Vater droht dem Polizeipräsidenten, die Geburtstagsfeier der Königin zu stören indem er seine Bettler aufmarschieren lässt, wenn Maceath nicht an den Galgen kommt. Inzwischen vergnügt sich der "Edelmann" in einschlägigen Etablissiments, von denen er freimütig zugibt, hier erst großgeworden zu sein, in den Armen der Seeräuber-Jenny, im Original gespielt von Lotte Lenya, der Frau von Kurt Weill.

Die Handlung des Dreigroschenfilms wird immer wieder unterbrochen durch Einsprüche des Filmproduzenten, dem die Handlung zu sehr verfremdet ist, dann zu sittenverderbt und schließlich zu gesellschaftskritisch. Erst kann sich Brecht noch durchsetzen, aber dann folgt der Eklat: Der Autor verklagt die Filmgesellschaft wegen Mißachtung seiner Regieanweisungen und es kommt zum Prozess. Daß Brecht seine Niederlage bereits einkalkuliert, gehört zur Inszenierung der Wirklichkeit. Vor den Augen des verhandelnden Richters geht der Film weiter: Durch Verrat seiner leichten Damen kommt Maceath ins Gefängnis, sehr zum Bedauern seines Freundes, des Polizeipräsidenten, den er keines Blickes würdigt. Währenddessen hat Peachum, der mit professioneller Bettlerei ein großes Unternehmen geschaffen hat, aus Mitleid ein echten Krüppel angestellt. Dieser wirkliche Elende wird zum Problem für beide, für den Geschäftemacher wie für die Obrigkeit. Was ist, wenn die Elenden unter den Brücken aufstehen und in die Bank- und Regierungspaläste strömen? Dann werden sie ein paar Polizisten nicht aufhalten können. Maceath wird durch die Königin begnadigt und mit "Schwiegervaters" Geld kauft Polly ein Geldinstitut, sodaß der "ehrenwerte Kriminelle" nun Chef eines Bankhauses ist. Die Szene wechselt in die Moderne: in London schießen die Bankentürme in den Himmel und aus Mackies plumpen Ganoven werden Aktenkofferträger mit Zwirn und Schlips. So wie Brecht kurz zuvor in einer Aufführung der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" die gesellschaftliche Waage erläutert hat, wird Maceath - in der Oberschicht angekommen - nun erklären: "Es gibt die guten Reichen. Also muss es auch die guten Armen geben!" Nur sagt Brecht: Die guten Armen werden immer unten sein ...




Achtsam durchs Leben gehen

28. Jan. 2018: Heute sind's drei Tage vor Monatsende und ich ernähre mich nur noch von Pfennigresten im Portemonnaie. Das Leben wird immer teurer. Die Butter, das Bier, der Tabak. Während andere ihr dreizehntes Monatsgehalt für den Skiurlaub verplanen, überlege ich, ob ich meine Altersvorsorge nicht gleich zum Bestattungshaus bringe. Da kann mein Geld dann wenigstens arbeiten! Bücherläden sind für mich mittlerweile zu no-go-areas geworden. Mal ist es was Geschichtliches, mal was Philosophischen, mal was mit Fotos - immer rufen die Schmöker mit Sirenenstimmen "Nimm mich mit! Nimm mich mit!" Und ich mit meinem schwachen Willen kann nicht wiederstehen ... so kommt es zur gähnenden Leere am Monatsende [siehe oben].

Die Schränke sind auch schon alle voll. Und nicht nur mit Büchern. Ordner über Ordner. Schule, Studium, Ausbildung, Job-Projekte. Kann man das nicht alles einfach mal wegschmeißen? Oh, nein! Die Heiligtümer der Biografie - die Leidensgeschichten auf Schwarz und Weiß, auf Blau und Beige. Und immer kommt neues hinzu: Neue Pamphlete, neue Ausdrucke, neue Ergüsse über Gott und die Welt. Und dann noch die Zeitungsartikel! Sorgfältig ausgeschnitte Fotos von TB, relevante Analysen von SK und Unverzichtbares von VP. Ich hätte Archivar werden sollen! Doch die provisorischen Klappordner verbeulen den ganzen Stapel im Regalfach. Wenn ich mal die Hufe hochlege, hat meine liebe Schwester allerhand zu tun. Aber in so eine Papiertonne passt ja eine ganze Menge rein. Und die Neffen werden andere Sorgen haben, als Onkels alte Texte zu lesen. Die Wohnung könnte auch mal eine Grundreinigung gebrauchen. Doch wie soll ich eine ukrainische Putzfrau bezahlen? Ich bekomme ja nicht mal selber Mindestlohn. Also mal ein bisschen fegen, hier und da etwas wischen, Staubmäuse aufsammeln ... Da kommt man schon ins Schwitzen! Aber wenn man mal geschafft hat, das Klo zu putzen, fühlt sich das Leben gleich wieder beschwingter an und ein angenehmer Stolz erfüllt die Brust. Man könnte jetzt sogar Besuch empfangen! Man müsste auch auf eine gute Ernährung achten. Nicht immer nur Laugenstangen oder eine schnelle Bockwurst! Doch Kochen ist auch nicht jedermanns Sache. Bei drei Töpfen auf dem Herd verliert man schnell den Überblick. Wo muss ich jetzt rühren? Ist das schon gar? Und da kocht es gleich über! Das ist Hochleistungsmultitasking. Damit wären sogar Supercomputer überfordert. Aber nicht meine 80-jährige Nachbarin! Wenn sie Kartoffelpuffer macht, riecht man es schon drei Aufgänge weiter. Manchmal bekomme ich sogar einen ab ...

Vor dem Essen kommt das Einkaufen. Wenn man nicht über einen SUV-Panzer verfügt, in den man für die ganze Woche Lebensmittel einladen kann, muss man wohl oder übel jeden Tag zum Discounter wackeln, um sein Mineralwasser, seine Schorle und seinen Joghurt zu erbeuten. Das Brot vom Bäcker schmeckt aber besser als das Verpackte, also ist man dort auch fast jeden Tag. Zahnpasta und andere Dinge holt man vom Drogeriemarkt. Dorthin bringt einen der Bus, der immer gut gefüllt ist - wegen der Auslastung. Mit dem Einkaufen, dem Nicht-Kochen, dem Wäsche-waschen, dem Nicht-putzen, dem Bücherlesen, dem Artikel-ausschneiden und dem Bus fahren ist man doch den ganzen Tag ausgelastet, so dass man sich wundert: Und schon wird's wieder dunkel! Die Krähen draußen haben von alledem auch nichts gemacht und sammeln sich zum Schlafengehen. Ich lasse den Fernseher aus, setze mich aufs Sofa, in der Hand den letzten Schmöker von Anselm Grün, der lautet "Versäume nicht dein Leben". Genau die richtige Lektüre!




Deine Heimatzeitung

22. Aug. 2017: Schlägt man die Lokalzeitung auf, erfährt man viel Interessantes: zum Beispiel, daß Frau Bailleu sich bei der Neueröffnung des philipps-Marktes in Eberswalde günstig mit Pflanzentöpfen zum Schnäppchenpreis eingedeckt hat, oder daß der Eberswalder Stadtkämmerer Nachschub für die Stimmtaler bestellt hat, mit denen man beim Burgerbudget im September abstimmen kann.

Aber sind das wirklich die wichtigen Themen der Berichterstattung? Schaut man sich etwas näher die prisma-Beilage an, die in Düsseldorf produziert und in Mönchengladbach gedruckt wird und die mit einer Auflage von 3.570.763 Exemplaren sich jenseits der Vorstellungskraft von Lokalredaktionen bewegt, wird man auf die dringenden Fragen des Lebens gestoßen: "Immer noch urlaubsreif?" fragt die Titelzeile und das Heft bietet Linderung mit einer Busrundreise durch Irland, einem 8-Tage-Urlaub auf Ischia (mit einem Abstecher nach Capri), mit einer Großen Donau-Flußkreuzfahrt ab 1699,- und einem 50-EUR-Gutschein von Berge & Meer. Für den kleinen Geldbeutel kann man schließlich günstig nach Oberhof und Harrachov ab 69,- verreisen, nur um am Schluß nachmal richtig zu klotzen: mit einer Ostseekreuzfahrt unter panamaischer Flagge nach St. Petersburg, Helsinki, Stockholm und Kopenhagen für schlappe 990,- Warum nicht? Das letzte Hemd hat keine Taschen ...

Aber die wirklich wichtigen Dinge kommen erst noch. Nein, ich meine nicht die eingelegte Werbebeilage mit tausenden Schuhen für den weiblichen Schuhschrank; um gerecht zu bleiben, es waren nur 173 Schuhe abgebildet, hübsch drappiert und in Pose. Die wirklichen Fragen, die Schwergewichte der journalistischen Vermittlung durch das ganze Heft von vorne bis hinten, kommen nun. Es ist die Gesundheit: auf Seite 5 erfahren wir, daß ZACLOPELLI stark gegen Nagelpilz ist. Langersehnte Hilfe bei Potenzproblemen bekommen wir auf Seite 8 mit NERDIUM. Eine Seite darauf kann ARTHRONUS uns bei Rücken- und Gelenksschmerzen helfen, und auf der folgenden Doppelseite geht es ans Eingemachte: Blähbauch? Verstopfung? Durchfall? - Jetzt gibt es Hoffnung mit KILOMALIN (rezeptfrei).

Der Blähbauch ist auf Seite 17 schon wieder Thema: Neun von zehn Frauen sind betroffen, deshalb: Mit GASTROLIPO kommt die Fettverdauung in Schwung und landet nicht auf Hüfte, Bauch und Po! Auf Seite 19 wird es ernst: Stinkende Schuhe, Fußgeruch und Fußpilz. Achtung, beim ersten Anzeichen das empfohlene MYKO-SENN-Spray verwenden! Damit ihr Dackel sich nicht an den Hausschuhen aufgeilt ... Eins kann natürlich nicht fehlen: SIFFTA, der Treppenlift - "passt fast auf jede Treppe", rufen Sie gebührenfrei an! Vier Seiten später, auf 45, kommt noch ein Treppenlifter, genannt PO, mit einem nachgeahmtem Testsiegel: 1,9 (gut) für SERVICE, mit 30-Tage-Geld-zurück-und-Glücklich-Garantie. Auf Seite 47 wird noch einmal eindringlich gewarnt: Beim ersten Anzeichen von Nagelpilz unbedingt EXCERAN aus Ismaning aus der Apotheke holen, es ist in Sekunden wirksam, pardon: anwendbar.

Mit dieser umfassenden Gesundheitsaufklärung hat sich die Lektüre der Heimatzeitung mehr als bezahlt gemacht. Da überlegt man sich gleich, ob man nicht das angebotene Jahres-Abo annimmt, um jederzeit informiert zu sein. Leider hat die Marketing-Abteilung den Preis vergessen und verweist aufs Impressum. Aha, monatlich 31,70 EUR macht im Jahr 380 EUR. Damit könnte man auch 365 Tage umsonst mit dem Obus fahren, das wäre also zu überlegen. Vielleicht hilft ja noch einmal der Blick ins "prisma" und ins Horoskop auf der vorletzten Seite. Dort steht unmißverständlich: Ihre Kräfte sollten Sie unbedingt für wichtige Ziele einsetzen ...

Deswegen ist nun Schluß!




"Verehrter Herr Vorsitzender ..."

29. Juni 2017: So beginnt der Stadtverordnete des Wahlkreises Finow und Brandenburgisches Viertel, Carsten Zinn, die meisten seiner Anfragen an die Rathausspitze. Diesmal geht es um den vom Bürgermeister Friedhelm Boginski verkündeten Mieterhöhungsstopp für 2017. Den hat das Stadtoberhaupt, nach öffentlichen Diskussionen zur Mietproblematik, mit der Führung der WHG ausgehandelt. Der Stadtverordnete Zinn möchte gerne wissen, ob dieser Stopp schon ab 1.7. dieses Jahres gelte. Den Mietern angekündigte Mieterhöhungen - zum Teil auch ab dem 1.7. - werden vollzogen, so der Bürgermeister.

Ein anderes Problem ist der Finowkanal: Die Verhandlungen mit dem Bund und dem Land verlaufen sehr schleppend. Das Verkehrsministerium bestehe auf seiner Position, dass ohne eine Beteiligung der Kommunen die Motorschiffahrt auf dem Finowkanal eingestellt werde. Bezüglich finanzieller Beteiligung sendeten die kleineren Anrainer-Kommunen aber keine positiven Signale. Was das für den Schleusenbetrieb bedeute, will der Abgeordnete Johannes Creutziger, wenn nur noch muskelkraftbetriebene Boote auf dem Kanal unterwegs wären. Der Bürgermeister dazu: "Die Schleusen würden geschlossen." Außerdem setze sich die Stadt Eberswalde massiv für die Barnimer Waldstadt als Verwaltungssitz eines eventuellen Großkreises Barnim-Uckermark ein, so Boginski. Seine Fachkraft in Bau- und Umweltfragen, Anne Fellner, kommt in dieser 31. Sitzung der Stadtverordnetenversammlung der laufenden Wahlperiode ebenfalls ausführlich zu Wort: Einmal geht es um von Misteln befallene Ebereschen, ein anderes Mal um den Weg am Herthateich hinter dem Zoo, der durch die Aktivität von Bibern nicht mehr verkehrssicher ist. Der Weg sei vernässt und Baumstämme lägen quer. Auf Anfrage, diesmal von Conrad Morgenroth, den Weg freizuräumen, erklärt die Baudezernentin, der Anteil von Totholz im Wald müsse erhöht werden, da wolle man den Biber auch nicht stören und den Weg etwas oberhalb der Problemstelle neu entlang führen. In der kalten Jahreszeit werde man diese Arbeiten durchführen. Der Abgeordnete Viktor Jede meldet sich zu Wort: Viele der Bewohner der Eberswalder Straße, die früher mit dem 910-er Bus zum Werbellinsee fahren konnten (Haltestelle Forsthaus), müssen nun den langen Umweg via Schönholzer Straße in Kauf nehmen. Die Dezernentin versprach Abhilfe.

Und ein weiteres Problem, so Jede, seien viele durch die intensiven Regenfälle der letzten Stunden vollgelaufenen Keller in Finow. Wie das zusammenpasse mit dem großzügigen Ausbau der Kanalisation, für die der Bürger ja bekanntlich ordentlich zahlen muss. Anne Fellner kontert einfach, Informationen zu überfluteten Finower Kellern seien ihr nicht zugetragen worden. Die Baudezernentin, mindestens ein Kopf größer als der Vorsitzende, und mit dem dreifachen Selbstbewußsein, ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Mit fester Stimme setzt sie den quengelnden Abgeordneten ihre Grenzen. Der Einzige in der Stadtverordnetenversammlung, der es an Statur und Präsenz mit ihr aufnehmen kann, ist der oben erwähnte Abgeordnete Zinn. Diesmal geht es um die Anfrage der SPD-Fraktion, eventuell eine Jugenddisco einzurichten. Carsten Zinn lässt sich von den Aussagen der Verwaltung nicht beeindrucken, es gebe keine Interessenten dafür, und für die Stadt als Betreiber sei das ein Minusgeschäft; er besteht konsequent darauf, das Thema Jugenddisco nocheinmal in den betreffenden Ausschüssen zu diskutieren. "Ich bitte darum, das ins Protokoll aufzunehmen!"

Petra Stibane, die Sozialdezernentin, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt als ihre Kollegin. Mit klarer freundlicher Stimme informiert sie über die 121 Vorschläge zum Bürgerbudget, dessen Einreichungsfrist nun ablaufe. Außerdem informiert sie über die Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei, die schon seit 20 Jahren existiert, bei der speziell ausgebildete Bürger in ihrem Umfeld und Alltagsleben auf Recht und Ordnung achten. Natürlich ohne das Tragen einer Waffe. Frau Stibane nimmt man es glaubhaft ab, dass sie sich in einer dienenden Position gegenüber dem Stadtparlament sieht. Der Abgeordnete Zinn, der das Privileg genießt, als Fraktionsvorsitzender ein zuschaltbares Mikrofon auf seinem Tisch zu haben, meldet sich wieder zu Wort: Er bitte darum, dass die PDF-Vorlage zur Sicherheitspartnerschaft in einem großen E-Mail-Verteiler an alle Abgeordneten versandt werde. Und wieviele Personen denn in dieser Angelegenheit tätig sind, will er wissen. Die Antwort der Sozialdezernentin: drei Eberswalder Bürger kümmern sich (ehrenamtlich - d.Red.) um die Sicherheit in der Stadt.

Weitere Anfragen gab es von Götz Trieloff (FDP) zu der Anzahl der auf einen Kitaplatz wartenden Kinder, von Ingo Wrase (SPD) zu der tatsächlichen Gehaltshöhe des fristlos entlassenen Dezernenten Gatzlaff und von Lutz Landmann (ebenfalls SPD) zu der Frage, gerichtet an Anne Fellner, warum die Stadtverordneten erst im Juni über die Nachtragskosten bei der Sanierung der Borsighalle informiert wurden, obwohl schon im April die zu den Mehrkosten führenden Erdarbeiten abgeschlossen waren. Die Baudezernentin gelobte Besserung.

Der Vorsitzende wurde gebeten, die Sitzung für eine Pause zu unterbrechen. Doch Volker Passoke (DIE LINKE), Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung Eberswalde, vergleichbar mit der Position des Norbert Lammert im Deutschen Bundestag, also mit der Funktion des Versammlungsleiters und Moderators, lehnte ab mit dem Hinweis, das wäre noch zu früh und ging in der Tagesordnung zur Abstimmung der Beschlußvorlagen über. Doch damit, lieber Leser, wollen wir Sie nicht langweilen ...




Neues aus der Provinz

4. Juni 2017: Ein Besuch in der Eberswalder Stadtbibliothek, die kürzlich ihr 70. Jubiläum feierte, ist immer ein kulturelles Erlebnis. Ein immenser Schatz an Büchern, Zeitschriften, CDs und Videos erwartet den aufnahmebereiten Besucher. Hier kann man mit Muße die Tageszeitung studieren und zwar kostenlos! Ja, man könnte, wenn nicht diese vertrackten Öffnungszeiten wären. Wie oft hört man Besucher klagen, daß sie am Vormittag ein Buch abgeben wollten - aber, es war geschlossen. Sie klagen zwar über sich und ihre Schusseligkeit, sich die Zeiten zu merken; aber in Wirklichkeit scheitern sie an steinzeitlichen provinziellen Öffnungszeiten, die an Besucherunfreundlichkeit kaum zu überbieten sind.

Im Vergleich mit anderen Städten der Region landet Eberswalde auf dem letzten Platz. Die meisten Bibliotheken öffnen standardmäßig um 10 Uhr, und in der Wochensumme sind sie mit durchschnittlich 32 Stunden deutlich besser als die Barnimer Waldstadt mit gerade mal 28 Stunden. An den Eberswalder Bürgern liegt es mit Sicherheit nicht. Durch den Umzug der Eberswalder Bibliothek in das neu sanierte Bürgerbildungszentrum wurde offenbar nicht nur der Bestand an Büchern verkleinert - man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß auch viele Mitarbeiter gehen mussten. Zwar wurde das begründet mit dem neuen Ausleiheverfahren per Chipkarte, aber besser wäre es gewesen, die erfahrenen Kolleginnen für eine Erweiterung der Öffnungszeiten einzusetzen. So ist Eberswalde auf dem Gebiet der Bürgerbildung tiefste Provinz in der Provinz. Man darf eben nicht vergessen: Das kulturelle Aushängeschild einer Stadt wie Eberswalde ist und bleibt die Bibliothek, zumal sie jetzt in einem so repräsentativen Gebäude untergebracht ist wie dem Bürgerbildungszentrum "Amadeu Antonio". Wie lange schläft Eberswalde noch seinen Dornröschenschlaf?




Die Verdummung der Welt

10. Juli 2016: Wann haben Sie das letzte Mal ein Buch gelesen, oder eine Zeitung? Nein, ich meine nicht die mit den großen Buchstaben für Sehbehinderte, sondern eine richtige Zeitung. Eine, deren Obzession es nicht ist, einen tragischen Unglücksfall wieder und wieder hochzuwürgen. Eine Zeitung, bei der man das Gefühl hat, selber denken zu dürfen und bei der kein vorgekautes Klischeebild nach dem anderen serviert wird. Gott sei Dank gibt es noch solche Zeitungen!

Und Gott sei Dank gibt es noch das Internet! Auch wenn man meinen möge, es sei unter der Masse von Facebook-, Twitter- und Whats-App-Meldungen verschwunden. So leicht es mir fällt, im privaten, auf diese genannten Zeitkiller zu verzichten, so kann ich es doch nicht in dieser Betrachtung. Sie sind mittlerweile too-big-to-ignore.

Früher schrieb man sich persönlich E-Mails, mit einem Betreff und wohlformulierten und -durchdachten Worten. Auf keinen Fall wollte man den anderen verletzten, denn gerade in der nonvisuellen Kommunikation passieren schnell Mißverständnisse. Heutzutage postet man einfach seine täglichen Ergüsse auf dem »sozialen Netzwerk«, und schwuppdiwupps, erhalten sofort sämtliche vierhundertdreiunddreißig Freunde darüber Meldung. Man freut sich über ein paar Likes, und wenn es hoch kommt, läßt sich jemand zu einem Kommentar herab.

Die meisten Likes lassen sich durch niedliche Katzenvideos erzielen; aber auch Hundewelpen, Mäuse, Ratten und fliegende Omas erzielen hohe Aufmerksamkeitseffekte. Für die Mädchen gibt es die neuesten Schminktipps und für die Jungen eine Videoanleitung, mit welchem Trick man am Monster der Unterwelt vorbeigelangt. Nebenbei erfährt Facebook, für welche Musik, für welche Filme, für welche Nachrichten, für welche Werbung und für welches Geschlecht sich der Nutzer interessiert. Das wird sorgsam in riesigen Datenbanken in Kalifornien (USA) gespeichert und repräsentiert den eigentlichen Wert des Unternehmens.

Doch es gibt noch eine Welt jenseits von Facebook, ja sogar jenseits von Google. Hat man schon vergessen, daß sich im Browser Lesezeichen anlegen lassen, mit denen man seine Lieblingsseiten sammeln, ordnen und aufrufen kann, ohne daß es irgendein Internetkonzern mitbekommt? Die unendliche Fülle des Netzes ist für einen einzelnen Menschen sowieso zu groß. Man muss sich konzentrieren, und beschränken! Nur durch Reduktion erhält man seine Freiheit zurück. Das gilt für das Internet, wie auch für das richtige Leben.

Man könnte recherchieren, warum sich die Große Koalition ausgerechnet immer an Sonntagabenden zu wichtigen Konsultationen traf, während man die Woche über nichts vom Kanzleramt hörte. Wenn man Zeitung läse, könnte man erfahren, daß sich zu jedem Zeitpunkt ca. 900.000 Menschen in der Luft, über den Ozeanen und Kontinenten in Flugzeugen befinden - das sind umrechnet ca. 9.700 Bundesbürger. Wenn man ein Buch lesen würde, vielleicht sogar eins aus dem vorvorherigen Jahrhundert, könnte man in eine andere Welt, in andere Gedanken und Weltbetrachtungen eintauchen, und eine menschliche und moralische Größe erfahren, hinter der Katzenvideos und Twitter-Accounts nur als banaler Kinderkram erscheinen.

Und doch: Sei die Zeitung noch so seriös, sei das Buch noch so lesenswert, der beste Moment ist der, wenn man das Buch zuklappt und sagt: »Geschafft!«. Der Moment, wenn man ein halbes Kilo durchgearbeitetes Zeitungspapier zusammenknüllt und zum Altpapier gibt. Weg damit! Weiche von mir! Mit der Trennung gibt man sich die Freiheit wieder - und das sollte man auch gerade beim Internet bedenken, dem unendlichen Schlund der Menschheit ...




Der Virus - dein Freund und Helfer

15. März 2015: Hat jemand dieses Jahr noch keine Erkältung gehabt? Wieso meldet sich niemand? Die Influenza-Saison war offenbar dieses Jahr ein voller Erfolg! Für die kleinen Biester, die bisher nur wenige Menschen, millionenfach vergrößert, bei lebendigem Leibe sehen konnten: die Erkältungsviren! Es soll an die 300 unterschiedliche Arten von ihnen geben, und vermutlich kaum ein Mensch kann sich glücklich(?) schätzen, mit allen schon Bekannschaft gemacht zu haben.

Erst fühlt sich der Hals unwohl an, dann tut einem alles weh, daß man nicht schlafen kann oder kaum aus dem Bett kommt; am nächsten Tag beginnt die Nase zu laufen und steigert sich dann in tagelangen Schneuzorgien, die am Schluss mit einem wochenlangen Husten gekrönt werden. Warum muss man nur so leiden? Und nichts hilft dagegen wirklich. Außer Isolation. Damit unsere Mitmenschen nicht angesteckt werden. Aber selbst das bekommen wir nicht hin. Irgendwo muss man sich schließlich im Bus festhalten; selbiges zu vermeiden grenzt in Eberswalde an Selbstmord. Und wenn man noch gesund ist? Man kann kann ja nicht alles vorher mit Desinfektionstüchern abwischen, bevor man es anfässt. Man muss sehenden Auges ins Messer laufen und hoffen, dass es nur ein Buttermesser ist. Man rotzt und schnieft ... dann mal einen Tag nicht; und schon hat man alles vergessen, als man seine alte Bekannte wieder trifft und ihr herzlich die Hand schüttelt. Oder sogar ein Küßchen?!

Das Ganze hat System und ist fester Bestandteil der Evolution. Des Menschen Erbsubstanz, die Krone der Schöpfung, besteht zu einem Großteil aus Virus-DNA. Das, was mit mit uns während einer Erkältung passiert, ist kein sinnloses Leiden! Wir sind hustende und spuckende Schleimproduzenten, damit sich die Viren optimal verbreiten können. Wir sind nur Wirtstiere, Werkzeuge einer höheren Macht. Wir können zwar an unser Aktiendepot denken oder an die Weltrevolution; aber unser eigentlicher Lebenszweck ist womöglich die maximale Virusproduktion und-verbreitung. Selbst unsere intimsten Gefühle haben sich wahrscheinlich nur die Viren ausgedacht, damit man, oft nicht ganz bei Verstand, die nächstbeste Dame begattet, auf daß neue Rotz- und Schleimproduzenten das Licht dieser Welt erblicken! Raffinierter geht es nicht mehr. Unseren Mitgeschöpfen in der Tierwelt ergeht es nicht besser: mit Katzenschnupfen, mit Vogelgrippe, mit Staupe und mit wer weiß wievielen hoch ansteckenden Geschichten. Die Welt ist voll von Viren.

Unser Schöpfer, das ist wahrscheinlich kein weißbärtiger Herr im Himmel, sondern das sind die winzigen Elementarteilchen der Evolution - die Viren; sie benutzen uns wie einen Automaten - sie brauchen nur eine rote Taste zu drücken und schon geht es los ... auf daß neuer, hochansteckender, Schleim produziert wird. Wir haben keine Chance aus diesem Ding auszusteigen. Unsere Schöpfer sitzen am längeren Hebel. Sie sind in der Überzahl. Sie haben uns programmiert. Sie wissen über uns Bescheid. Unsere Aufgabe heißt: Rotz oder stirb!




Der Lauf der Natur

24. Jan. 2014: Am Anfang hält das Baby die Mutterbrust fest umschlungen. Es ist sein Ein und Alles. Seine Wärme- und Nahrungsquelle. Doch bald geht das Kindchen eigene Wege, und hält schon mal das Händchen von genetisch fremden Personen, ob es der Mutter nun passt oder nicht. Ist das Kind erwachsen, nähert es sich wieder bestimmten Körperteilen [siehe oben] oder, wenn das nicht klappt, greift es einfach gleich wieder zur Flasche. Manchmal ist die Welt nur im Suff zu ertragen.

Wie sähe sie aus, unsere Welt, wenn man einfach der Natur ihren Lauf nehmen ließe? Würden wir noch im Urwald hausen und uns gegenseitig durchvögeln, wie die Bonobos? Oder wären wir, wenn uns nicht Hunger und Durst dazwischen kämen, beziehungsgestörte Internetjunkies, die von E-Mails, Blogs und Twitter leben, nachdem sie tagsüber im Büro krampfhaft irgendwelche Zahlenkolonnen umsortiert haben. Der Mensch sucht immer das, was er nicht hat. Und hat er es dann, ist er/sie auch nicht zufrieden. Die Welt ist schlecht!

Die Natur sollte uns Vorbild an Gelassenheit und Ausdauer sein! Ewig rauschen die Wälder, in Brandenburg oder am Amazonas ... wenn nicht bezahlte Holzfäller-Kolonnen anrücken, die irgendwie in den CO2-Handel verstrickt sind. Am Amazonas sind es noch ursprüngliche Wälder, die in Ackerwüsten verwandelt werden. Einmal zerstört, kann sich der Regenwald nicht wieder aufbauen. Jedenfalls nicht in unseren Zeitmaßstäben. In unseren heimatlichen Urwäldern soll die Kiefer dominiert haben, habe ich vor zwei Jahren in einer Studie gelesen. Die allerneueste Studie sagt nun: Nein, die Eiche ist eigentlich der natürlich dominierende Baum der Mark. Was denn nun? Sicher kommt bald die nächste Studie heraus, die besagt, daß in unseren blühenden Landschaften bald nur noch die Birken grünen werden. Wie sagt der Förster so schön? Die Birke ist das Unkraut des Waldes. Ich finde, die Birke ist ein sehr schöner Baum! Und sie wird offenbar vom Wild nicht so angenagt, wie Eiche und Buche. Die muss man nämlich in Gehegen schützen, damit sie überhaupt groß und stark werden.

Auch Kinder müssen in einem geschützten Raum groß werden. Es sind dies: die Familie, der Kindergarten und die Schule. Später sind es dann der Hörsaal, das Großraumbüro und die Seniorenkantine. Wir brauchen alle Schutz! Und daß Kinder in der Schule in einem geschützten Raum aufwachsen, ist wohl das größte Ammenmärchen dieser Epoche. Die Welt ist grausam! Und auf dem Schulhof lernt man für das Leben!

Vielleicht wären wir hier in der Mark unter natürlichen Bedingungen alle einfach nur Bauern, die für den eigenen Bedarf hüten und schlachten, sähen und ernten, und nur ein paar Händler würden von Dorf zu Dorf ziehen, um das neueste I-Phone zu präsentieren. Und das interessanteste Gesprächsthema unter den Dorfbewohnern wäre, wie jede Woche: "Bauer sucht Frau!" Das ist der Lauf der Natur.




Geschichte und Zukunft

15. Febr. 2013: Es war einmal ein Land, in dem sollten Milch und Honig fließen. Und jeder durfte werden, was er wollte. Wenn er denn drei Jahre zur Armee ging. Und man konnte die schönsten Urlaube machen. Nur nicht in Thailand und Spanien. Und man konnte alles sagen, was einen bewegte. Nur nicht in der Öffentlichkeit.

Heute ist dieses Land fast vergessen. Unsere Kinder wissen fast nichts darüber. Und unsere alten Geschichten wollen sie nicht mehr hören. Der offizielle Sprachgebrauch heißt: "Diktatur". Ein schlechtes Land, ein böses Land, in dem graue Einheitsgestalten durch graue verfallene Häuserschluchten zogen bzw. in ihren stinkenden Pappautos umherfuhren. Und die Kommunen ließen die Altbauten verfallen und errichteten riesige Trabantenstädte aus Betonplatten. Gruselgeschichten für unsere westdeutschen Brüder und Schwestern.

Es ist richtig: Man durfte nicht alles sagen, was man gerne wollte. Es gab auch einen offiziellen Sprachgebrauch. Der nannte sich Ideologie. Und der Hüter der Gesellschaft war die Partei. Es gab zwar mehrere davon, aber die eine Partei hatte immer Recht. Eine große Runde grauer Herren aus Politik, Wirtschaft und Militär. Sie hatten die Macht und nannten es Herrschaft der Arbeiterklasse.

Und heutzutage? Wer hat heute die Macht? Die Kanzlerin und ihr Klüngelclub? Der Bundestag? Das Volk? Ohne Zweifel sind Wahlen heutzutage interessanter. Man kann hier oder da ein Kreuzchen machen. Die Regierungen spielen "Bäumchen wechsele dich" und der Gegner sitzt immer auf der gegenüberliegenden Parlamentsbank. Der Sprachgebrauch für den politischen Gegner ist um keinen Deut harmloser als die Wortgefechte des Kalten Krieges damals zwischen Ost und West. Da wird gehetzt, getäuscht, getrickst und geheuchelt mit dem Willen zur totalen Vernichtung.

Die DDR wurde total vernichtet: Die Wirtschaft, die Arbeitsplätze, die Lebenslinien, die Lebensleistung der Menschen und die Hoffnung auf eine echte Revolution. Stattdessen ein bürokratischer "Anschluss". Bürokratie statt Demokratie. Eine Währungsreform mit fatalen Folgen. Und keine Aussöhnung unter Brüdern, sondern kleinliches Aktengeschnüffel in längst vergilbten Papieren.

Interessierts heute noch jemanden? Die Jugend wohl kaum. Der eigene Facebook-Auftritt ist viel wichtiger. Was sagen die Freunde zum neuen Posting? Bekomme ich ein paar "Gefällt mir's"? Schenken mir die Eltern das neueste Smartphone? Und später: Zensuren, Abitur, Studium und Karriere. Für die Karriere braucht man auch einen Verhaltenskodex. Man darf auch nicht alles sagen. Sonst ist man schnell draußen - mit einem "vielsagenden" Zeugnis in der Tasche. Beim Job ist keine Demokratie gefragt.

Und Kinder? Wo liest man eine Stellenanzeige, in der es heißt: "Junge Mütter bevorzugt"? Gibt der Chef ausreichend Freizeit, und der Staat ausreichend Geld für die Familien? Müssen die Frauen erst Karriere machen, um dann mit Mitte 30 ihr erstes Kind zu bekommen? Unsere Gesellschaft, unsere Ökonomie, verwandelt Deutschland in ein aussterbendes Land, in dem das Geschacher um einen Cent mehr wert ist als ein gutes Leben in Geselligkeit und Genügsamkeit.




Jetzt schlägts Dreizehn!

3. Jan. 2013: Im Neuen Jahr bin ich aufgewacht: um 13.33 Uhr! Das musste etwas bedeuten ... Nun gut, jetzt haben wir also 2013. Aber ist das alles? Wenn ein Jahr dreizehn Monde hat, gibt es einen "Blue Moon". Die Zimmernummer 13 findet man in keinem Hotel, ja es soll sogar Hochhäuser geben, die kein dreizehntes Stockwerk haben. Manche Leute halten auch Freitag, den 13. für einen Unglückstag. Dieses Jahr haben wir ihn im September und Dezember. Na ja, ist ja noch ein bisschen hin. Falls wieder die Welt untergehen sollte.

Dornröschen musste hundert Jahre lang schlafen, weil Mama und Papa vergessen hatten, die dreizehnte Fee einzuladen. Die Dreizehn ist also wichtig: Sie steht für das Dunkle und Unbewusste, das man nicht verdrängen und aussperren sollte. Es ist die nächtliche Geisterstunde, die diejenigen das Fürchten lehrt, die nachts in Eberswalde ausnahmsweise mit dem Bus fahren wollen.

Im Jahre 1513 entdeckt ein spanischer Konquistador Florida und hält es für eine Insel. Im Jahr 1613 brennt das erste Globe Theatre an der Themse nieder, in dem Shakespeares Stücke aufgeführt werden. Im Jahr 1713 drängen russische Truppen die Schwedische Armee im Großen Nordischen Krieg zurück und im Jahr 1813 wird mit dem Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig Napoleons Niederlage auf dem Kontinent eingeläutet. Vor 100 Jahren, 1913, wird die Unternehmensgruppe ALDI in Essen gegründet, Rabindranath Tagore bekommt den Nobelpreis für Literatur für seine wunderbare Dichtung und in der Messingwerksiedlung wird der Goldschatz von Eberswalde gefunden. Dort übrigens zu besichtigen.

War's das jetzt mit der Dreizehn? Beileibe nicht. Unsere Kinder und Jugendlichen, ja, sogar manche Erwachsene werden sich nicht mehr daran erinnern: Heute schreiben sie einfach 16225 Eberswalde oder 16227. Aber früher war es richtig prosaisch, in uralten Zeiten. Da schrieb man nämlich auf den Brief: 13 Eberswalde-Finow! Also, liebe Eberswalder: Das Jahr 2013 kann für uns nur ein Glücksjahr sein!




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